Wie wichtig ist das Internet für die Menschen in China?

Emily Parker: Das Internet hilft vor allem denjenigen, die etwas kritischere Standpunkte vertreten. Es gibt ihnen das Gefühl, dass sie nicht alleine sind. Deswegen heißt mein Buch auch «Now I Know Who My Comrades Are» (deutsch: Jetzt weiß ich, wer meine Verbündeten sind). Das ist ein Zitat eines Bloggers, den ich vor fast zehn Jahren getroffen habe. Ich fragte ihn, warum das Internet für China wichtig sei, und das war seine Antwort. Er sagte: «Jetzt weiß ich, dass es da draußen noch andere gibt, die wie ich denken.» Das Internet ist natürlich wichtig, um Informationen zu verbreiten und zu bekommen. Aber vor allem ermöglicht es, sich virtuell zu organisieren.

Wie frei fühlen sich die Internet-Nutzer dort wirklich?

Viele sind natürlich sehr vorsichtig und haben auch Angst. Ich will nicht herunterspielen, wie zensiert und überwacht das Internet in China ist. Es ist kein freier Ort. Aber in den vergangenen zehn Jahren sind immer mehr Menschen online gegangen, um ihrer Unzufriedenheit Luft zu machen oder Solidarität zu zeigen mit Leuten, die unfair behandelt werden. Wir sehen heute so viel Meinung und Information wie noch nie zuvor.

Wie reagiert die Regierung darauf?

Auf der einen Seite gehen immer mehr Menschen online. Hunderte Millionen Chinesen haben inzwischen Zugang zum Netz. Gleichzeitig versucht die Regierung, im gleichen Maß immer mehr Kontrolle auszuüben, weil sie sehen, dass das Internet zu einem immer mächtigeren Werkzeug wird. Wir können aber auch beobachten, dass die Regierung nicht in der Lage ist, das Internet wirklich zu kontrollieren, es gibt einfach zu viele Informationen, und irgendwas kommt immer durch.

Anzeige

Haben all diese Veränderungen denn auch tatsächlich einen Einfluss auf das tägliche Leben?

Schon die Erfahrung, dass man nicht allein ist, kann einen transformativen Effekt auf das Leben des Einzelnen haben. Ich konzentriere mich deshalb in meinem Buch auf den psychologischen Effekt, den diese Feststellung hat. Es ist aber nicht nur psychologisch. Es gibt zum Beispiel in China Online-Kampagnen, die eine genauere Messung von Umweltverschmutzung fordern. Das Internet ist der eine Platz, an dem Menschen andere Menschen finden können und zumindest online ein Forum für gemeinsame Aktionen haben. Das im realen Leben umzusetzen, ist sehr schwierig.

Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch auch mit Kuba. Wie ist die Situation dort?

In Kuba hilft das Netz vielen, ihre Ängste zu überwinden. Es ist das erste Mal, dass sie das Gefühl haben, sich relativ frei öffentlich äußern zu können. Zwar lesen immer noch wenige Kubaner das, was die Blogger schreiben. Aber dafür haben sie viele Leser im Ausland. Das gibt ihnen Sicherheit, es ist viel schwieriger für die Behörden, sie einfach «verschwinden» zu lassen. Es gibt außerhalb des eigenen Landes Menschen, die sie kennen und die wissen, wer sie sind. Das ermutigt sie, sich freier zu äußern.

Das Netz schützt sie also vor der eigenen Regierung?

Das Internet bietet natürlich keinen perfekten Schutz. Aber in meinem Buch schreibe ich über eine Bloggerin in Kuba, die noch nicht mal besonders bekannt ist. Als sie festgenommen wurde, bekam sie viel Unterstützung von anderen Bloggern im eigenen Land, so erfuhren auch die internationalen Leser davon. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte sowas niemand mitbekommen. Oft lohnt es sich für die Behörden schlicht nicht, diese negative Aufmerksamkeit zu riskieren. Das klappt natürlich nicht immer. Ein Beispiel aus Russland: Ein Blogger, ein Anwalt, hatte auf seinem Blog eine Kampagne gegen Korruption gestartet. Vor nicht allzu langer Zeit wurde er unter Hausarrest gestellt und sein Zugang gesperrt.

Was macht Kuba noch anders als China?

In China haben Sie hunderte Millionen Menschen, die im Internet sind. Da ist aber das Netz selbst sehr stark von der Regierung kontrolliert. Die kubanische Regierung muss das gar nicht tun, weil immer noch so wenige Menschen überhaupt online sind. Sie können das Internet einfach dadurch kontrollieren, dass der Zugang schwierig ist und nur wenige Leute ins Internet können. Es ist außerdem sehr teuer, man muss sich in Hotels einwählen und hohe Gebühren zahlen.

Anzeige

Bessert sich das?

Ja. Die kubanische Führung spricht seit langem von wirtschaftlichen Reformen und Modernisierung. Das klappt nicht ohne Internet. Ich glaube deshalb, dass sie dem Internet nicht mehr allzu lange widerstehen können. Es wird letztlich wahrscheinlich mehr Zugang zum Netz geben, aber dann wird auch die Kontrolle zunehmen. Kuba wird sich mittelfristig wohl dem chinesischen Modell angleichen.

Wird das Internet Kuba und China irgendwann demokratischer machen?

Das Wort «demokratisch» ist vielleicht nicht das richtige. Aber das Internet spielt definitiv eine zentrale Rolle dabei, die Gesellschaften offener zu machen. Schon jetzt hat das Netz China deutlich verändert. Es gibt dort jetzt ein Forum, in dem die Menschen Verantwortung und Gerechtigkeit und Transparenz fordern können. Funktionieren solche Online-Kampagnen immer? Natürlich nicht. Aber in vielen Fällen muss die Regierung eben doch reagieren.

Anzeige

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.