Jahrzehnte nach der zwangsweisen «Umerziehung» von Intellektuellen während der Mao-Ära will China seinen Kulturschaffenden «ein korrektes Kunstverständnis» vermitteln. Die Künstler sollen künftig unter der Landbevölkerung in abgelegenen Gegenden leben, um so ihr Weltbild zu überdenken, teilten Behörden am Montag mit.

Mit ihrem Vorschlag weckte die Staatsverwaltung für Presse, Publikationen, Radio, Film und Fernsehen (SAPPRFT) Erinnerungen an ähnliche Praktiken während der «Kulturrevolution» unter Mao Tse-tung, die China von 1966 bis 1976 in ein Jahrzehnt des Chaos stürzte.

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«Sklaven des Marktes»

Kulturschaffende sind in China ohnehin schon strikten Kontrollen, staatlicher Zensur und ideologischen Beschränkungen unterworfen, die unter dem seit März 2013 amtierenden Präsidenten Xi Jinping weiter verschärft wurden.

Schon vor einigen Wochen hatte Xi einer Künstlergruppe «empfohlen», nicht mit «vulgären» Werken nach Popularität zu streben und zu «Sklaven des Marktes» zu werden, sondern stattdessen lieber den Sozialismus anzupreisen. Staatsmedien verglichen seine Äusserungen mit einer historischen Rede Maos aus den 1940er Jahren, in der dieser postuliert hatte, dass die Kunst stets der Politik dienen müsse.

«Erfahrungen mit dem Leben»

Die Regulierungsbehörde SAPPRFT legte jetzt nach und kündigte eine Kampagne an, bei der Mitarbeiter von Film- und Fernsehproduktionen für ein Vierteljahr in Dorfgemeinschaften, Kleingemeinden und Bergbauregionen geschickt werden sollen, um ihnen «Feldstudien und Erfahrungen mit dem Leben» zu ermöglichen.

Drehbuchautoren, Regisseure und Moderatoren sollen ebenfalls für mindestens 30 Tage «in grenznahe oder von Minderheiten bewohnte Gebiete» geschickt werden oder in Regionen, «die massgeblich zum Sieg des Landes im Revolutionskrieg beigetragen haben».

Die Reform werde den Kunstschaffenden dabei helfen, «ein korrektes Kunstverständnis herauszubilden und mehr Meisterwerke hervorzubringen», lautete die offizielle Begründung der Regulierungsbehörde.

Besorgnis in sozialen Netzwerken

In sozialen Online-Netzwerken wie dem chinesischen Twitter-Pendant Sina Weibo wurde der Vorstoss mit Besorgnis aufgenommen. «Ist das eine neue Kulturrevolution?», fragte ein irritierter Nutzer. Ein anderer schrieb mit Blick auf drei der meistverehrten chinesischen Schriftsteller: «Ich wüsste gerne, wer Lu Xun, Lao She und Mo Yan zum Leben in Dorfgemeinschaften verdonnert hat.»

Zu Zeiten Maos wurden zahllose Intellektuelle und Dissidenten aufs Land geschickt, um zusammen mit der armen Bauernbevölkerung schwere körperliche Arbeit zu verrichten. 1966 entfesselte der «Grosse Vorsitzende» der Kommunistischen Partei die sogenannte Kulturrevolution, um seine gefährdete Machtposition zu festigen.

Viele Tote durch Kampagnen der Vergangenheit

Ideologisch aufgehetzte Jugendliche schlossen sich damals zu den Roten Garden zusammen, die Intellektuelle, Nachbarn, Verwandte an den Pranger stellten, misshandelten und deren Häuser plünderten. Westliche Historiker schätzen, dass allein 1967 eine halbe Million Menschen in China getötet wurden.

Vorausgegangen war der Versuch, mit dem «Grossen Sprung nach vorn» (1958 bis 1961) China auf schnellstem Wege zu industrialisieren - was in einer der schlimmsten Hungersnöte der Geschichte endete. Durch Nahrungsmangel und Gewalt während beider Kampagnen in China starben nach Einschätzung westlicher Historiker mehrere Millionen Menschen. Die offizielle Parteilinie ist bis heute, dass Mao zu 70 Prozent richtig und zu 30 Prozent falsch lag.

(sda/gku/me)