Sie will raus aus der EU, raus aus dem Euro, raus aus der Nato. Marine Le Pens Programm ist radikal - und sie kommt damit an. Sogar Korruptionsskandale tun ihren Umfragewerten kaum Abbruch: Für die erste Runde der französischen Wahlen führt die Populistin diese mit 26 Prozent an (OpinionWay, Stand 27. Februar).

Bleibt die Frage, wie aussagekräftig diese Umfrageergebnisse sind. Meinungsumfragen sind nach Brexit und den US-Wahlen heftig unter Beschuss geraten. Eine Theorie dafür, warum Demoskopen so falsch lagen, ist jene des Shy-Voters. Das heisst: Wähler sagen in Umfragen nicht die Wahrheit.

Kurz nach der US-Wahl veröffentlichte die UBS etwa eine Umfrage unter 1200 US-Kunden. 36 Prozent gaben an, dass sie Freunden und Familie aus Angst vor Streitereien oder Verurteilungen nicht gesagt hätten, für wen sie stimmten. Dürfte Ähnliches in Frankreich blühen? Das meint Umfrageexperte Claude Longchamp dazu:

Herr Longchamp, könnte der Shy-Voter-Effekt auch in Frankreich greifen?
Claude Longchamp*: Das ist eine beliebte mediale Chiffre, warum Umfrageergebnisse abweichen. Diese ist aber mit wenig Fakten belegt. Wenn Sie die Umfragen in den USA nehmen: Hier hat Hillary Clinton die Popular Vote mit 51,1 Prozent der Stimmen gewonnen. Das durchschnittliche Umfrageergebnis ergab in der Woche vor der Wahl 52,7 Prozent für Clinton. Das sind 1,6 Prozent Abweichung, das liegt im Zufallsbereich. Bei der Wahl Barack Obamas war diese Abweichung fast doppelt so hoch. Was bei der jetzigen Wahl nicht korrekt war, war die Umrechnung auf die Elektorenstimmen.

Auch in Grossbritannien wurde das Argument des Shy-Voters genannt. Hier gab es kein Umrechnungsproblem auf Elektoren.
Es gibt in Grossbritannien einen staatlich angeforderten Bericht über das Versagen von Umfragen. Dieser kommt zu einer messerscharfen Konklusion: Es sei nicht der Shy Voter gewesen. Dieser ist widerlegt. Das Problem ist in England eher, dass so viele Anbieter Umfragen publizieren, dass die Qualität dieser sinkt. Oft ist die Repräsentativität nicht gewährleistet.

Wie kommt das?
Das hat damit zu tun, dass Menschen in einem urbanen Umfeld einfacher zu befragen sind als Leute in einem ländlichen. Das war in Grossbritannien genau das Problem: Nicht, dass die Leute nicht sagten, dass sie konservativ wählen. Sondern dass sie entweder nicht an der Umfrage teilnahmen oder nicht erreichbar waren - sei es durch Telefon- oder Onlinebefragungen.

Le Pen verzeichnete Anfang letzter Woche nochmal einen Anstieg der Zustimmung. Könnte das Endergebnis dennoch davon abweichen?
Von einer dauerhaften Zunahme sehe ich nichts. Le Pen hatte ihren Höhepunkt für den ersten Wahlgang mit rund 33 Prozent Wähleranteil im Oktober letzten Jahres. Jetzt liegt sie um 25 Prozent herum. Punktgenaue Prognosen zu diesem Zeitpunkt halte ich für unbrauchbar, dafür ist das Meinungsbild viel zu volatil. 40 Prozent der Wähler sind noch unentschlossen oder haben ihre Entscheidung nicht endgültig getroffen. Das Problem ist, dass die Medien diese Unentschlossenen nicht darstellen. Sie wollen ein präzises Bild vermitteln, das es angesichts von Kampagnen und Ereignissen nicht gibt.

Welches Szenario stellen Sie sich für die Wahlen vor?
Dass es Le Pen in die zweite Runde schafft, scheint relativ klar, ebenso wie entweder Emmanuel Macron oder François Fillon. Am Wahrscheinlichsten ist ein Duell von Le Pen gegen Macron. Fillon wäre wohl der härtere Konkurrent auf dem gemeinsamen Wählermarkt, für ihn wäre es aber aussichtslos, links Stimmen zu machen. Macron dürfte Stimmen von Links machen, immerhin war er Minister in einer linken Regierung, als auch moderate Stimmen im konservativen Lager.

Frankreich hat bislang extreme Kandidaten in der zweiten Runde klar abgelehnt. 2002 zog Le Pens Vater Jean-Marie Le Pen zwar in die zweite Runde ein, verlor dann aber mit knapp 18 Prozent gegen Jacques Chirac (82 Prozent). Umfragen sehen Marine Le Pen allerdings in der zweiten Runde bereits bei 38 Prozent. Könnte sich das Blatt wenden?
Der Ausgang des zweiten Wahlgangs ist spekulativer als jener des ersten. In Frankreich gibt es grundsätzlich einen Mechanismus, dass die Wähler der Opposition in der ersten Runde schnell ihre Stimme geben. Wenn es im zweiten Wahlgang dann darauf ankommt, hat sich immer der Favorit der Konservativen oder Sozialisten mit den Stimmen der Mitte durchgesetzt. Renommierte französische Experten warnen davor, von dem Automatismus auszugehen.

Wieso?
Das liegt an der spürbaren Umschichtung von Globalisierungseffekten: Grosse international vernetzte Städte schaffen Arbeitsplätze in einer globalisierten Ökonomie. Die national ausgerichteten Firmen haben Mühe, ihre Arbeitsplätze zu halten. Betroffen sind Landgegenden, Klein- und Mittelstädte. Das ist die objektive Seite. Die so erzeugte Grundstimmung in breiten Teilen der Wählerschaft ist die andere. Da wächst ein Hang zu Protektionismus, Nationalismus und zur Abwehr von Globalisierungstendenzen. Hier ist das Wählerpotential für Le Pen. 

*Claude Longchamp ist Verwaltungsratspräsident und Mitglied der Geschäftsleitung beim gfs.Bern. Er analysiert im SRF-Abstimmungsstudio regelmässig die Abstimmungen.

Anzeige