Bund und Kantone stehen im In- und Ausland unter Druck, härtere Massnahmen gegen Covid-19 zu ergreifen. Das sollten sie nicht. Die wahre Qualität einer Strategie zeigt sich an der langjährigen Gesamtsumme aus gesundheitlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schäden durch die Seuche und die Gegenmassnahmen. Aus dieser Perspektive könnte die Schweizer Strategie dereinst sehr gut abschneiden – trotz schweren Mängeln.

Reiner Eichenberger ist ordentlicher Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg und Forschungsdirektor des Instituts Crema.

Denn in ganz Europa wurden entscheidende Aspekte einer erfolgreichen Corona-Strategie vernachlässigt:

1. Jetzt dreht sich alles um die Spitalkapazitäten. Im Sommer hätten diese viel stärker ausgebaut werden können. Das hätte zwar einiges gekostet, wäre aber viel billiger als Lockdowns gewesen.

2. Einfach ignoriert wird die wichtigste Ressource im Kampf gegen Corona: die schon grosse und schnell wachsende Zahl der nach einer Infektion natürlich Immunen. Das Argument, die Immunität sei nicht hinreichend sicher, ist hinfällig. Erstens bildet sie auch die Grundlage der allseits als Erlösung gepriesenen Impfungen. Zweitens gibt es mittlerweile gute wissenschaftliche Studien zur Kraft der Immunität. Drittens hätte sie mit einfachen staatlichen Programmen gut erfasst werden können. In Europa gibt es viele Millionen bekannte Genesene. Da hätte ein relativ einfaches Monitoring gereicht, um die Risiken von Wiedererkrankungen zu erfassen. Offensichtlich ist die natürliche Immunität den Regierungen einfach egal.

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«Die Alten könnten weit effektiver geschützt werden – erst recht bei Einsatz immuner Pfleger.»

3. Bei einer rationalen Güterabwägung ist nicht nur die rohe Zahl der verlorenen Leben relevant. Auch die verlorene Lebenszeit sollte zählen – wie sonst in der Gesundheits-, Umwelt- und Verkehrspolitik üblich. Deren obere Grenze könnte bei Corona folgend geschätzt werden: Die Sterbewahrscheinlichkeit bei Infektion beträgt anerkanntermassen etwa 0,6 Prozent oder weniger. Das mittlere Alter der seit Mitte Juni im Zusammenhang mit Corona Verstorbenen beträgt 86 Jahre. Die Lebenserwartung von durchschnittlich gesunden 86-Jährigen beträgt rund 6 Jahre. Unter diesen Bedingungen würden die Einwohner der Schweiz bei einer Durchseuchung bis zur Herdenimmunität von 70 Prozent im Durchschnitt einmalig 9,2 Tage verlieren, wobei die Last massiv zu Ungunsten der Alten verteilt ist.

Die Alten könnten aber weit effektiver als heute geschützt werden – erst recht bei Einsatz immuner Pfleger, womit die verlorenen Leben und die Lebenszeit stark sinken würden.

Vergleiche mögen helfen, den Verlust von einmalig 9,2 Tagen einzuordnen. So ist die Lebenserwartung bei Geburt in der Schweiz dank technischem Fortschritt und wirtschaftlicher Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren um 4,1 Jahre gewachsen, also um über 75 Tage jährlich. Zugleich übersteigt sie nach Angaben der Weltbank die Lebenserwartung in Frankreich um rund 365 Tage und diejenige in Deutschland um über 1000 Tage. Die wirklich relevante Frage ist also weniger, ob die Schweiz der Corona-Strategie ihrer Nachbarn folgen soll, sondern wie die Nachbarn die Lebenserwartung der Schweiz erreichen können.