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Politik

Daniel Vasella: Totengräber eines Gesellschaftsvertrags

Beat Balzli, Chefredaktor der «Handelszeitung»

72 Millionen Franken fürs Nichtstun - das haut selbst den liberalsten Eidgenossen um. Auch wenn Daniel Vasella nun auf seine Entschädigung verzichtet, macht ihn sein beinahe schon pathologischer Berei

Veröffentlicht am 20.02.2013

Aus heutiger Sicht wirkt der Auftritt bizarr. Für die Verteidigung des Wirtschaftsstandortes Schweiz scheute Daniel Vasella keine Mühe. Er reiste vergangenen Mai persönlich nach Bern, um den Politikern den Ernst der Lage zu erklären. Die restriktive Vergabe von Arbeitsbewilligungen an Nicht-EU-Bürger schade der Wirtschaft, warnte er zu Recht vor Parlamentariern. Das fördere die Abwanderung von Arbeitsplätzen.

Da hatten die Biedermänner wohl den Brandstifter eingeladen, dämmert es inzwischen so manchem. Seit der jüngsten 72-Millionen-Abzocker-Affäre entpuppt sich Vasella als die deutlich grössere Gefahr für die Wirtschaft als ein paar kleinliche Staatsdiener im Bundesamt für Migration. Sein beinahe schon pathologischer Bereicherungsreflex macht den bestbezahlten Manager der Schweizer Geschichte zum Totengräber eines ungeschriebenen Gesellschaftsvertrags. 

Der diskrete Neid der Schweizer wirkt nicht als Wachstumsbremse

Fernab von Neidgesellschaften im deutschen Stil gilt hierzulande seit Jahrzehnten ein Pakt der Balance. Wenn alle gut verdienen, dürfen die da oben auch ruhig sehr gut verdienen. Risikofreudige Patrons schaffen stattliche Vermögen und reichlich Arbeitsplätze. Im Gegenzug erhalten sie Rückendeckung an der Urne.

Die demokratische Absicherung wirtschaftsfreundlicher Rahmenbedingungen ist das Fundament für den Erfolg des Landes. Der «diskrete Neid» der Schweizer, wie es Ökonom Mathias Binswanger einmal nannte, wirkt im Gegensatz zu extremen Ausprägungen im benachbarten Ausland nicht als Wachstumsbremse. Leistung soll belohnt werden. 

Extravaganzen lässt dieser Vertrag durchaus zu, brutale Exzesse freilich nicht. Die Grenze ist nicht klar definiert, sondern gefühlt. Vasella und ein paar andere haben sie überschritten. Darum zerbröselt diese Übereinkunft gerade – mit noch kaum abschätzbaren Folgen. 

Überraschend kommt das nicht. Seit Jahren schockt der gelernte Arzt die Öffentlichkeit immer wieder mit gigantischen Gehältern. Sein bemerkenswerter Leistungsausweis als Konzernlenker kann daran nichts ändern. Nur wenige Managerkollegen, wie etwa CS-Chef Brady Dougan, spielen zeitweise in derselben Salärliga. Vasella gilt aber als der unbestrittene Meister. Er bleibt sich auch bei seinem Abgang treu. Vergangenen Freitag musste er zugeben, dass er als abtretender Novartis-Präsident bis zu 72 Millionen Franken kassiert – damit er als Frührentner nicht zur Konkurrenz überläuft.

Die demokratische Demontage der Standortvorteile beginnt

Doch 72 Millionen fürs Nichtstun hauen selbst den liberalsten Eidgenossen um. Da verpufft jeder Versuch der Schadensbegrenzung wirkungslos. Zuerst wollte Vasella das Geld spenden. Jetzt verzichten er und Novartis ganz auf die Abmachung. Alles egal, die Zahnpasta kriegt keiner mehr in die Tube zurück. Da kann selbst der eiligst mobilisierte Abt und Vasella-Freund Martin Werlen nur noch beten. 

Während Mister Novartis in seinem Paralleluniversum die ganze Aufregung nicht versteht, beginnt die demokratische Demontage der Standortvorteile. Der Pakt hält nicht mehr. Mitunter nützliche Marketinginstrumente wie die Pauschalbesteuerung wurden vom empörten Stimmvolk bereits vielerorts geschleift. Die Erbschaftssteuerinitiative kam zustande.

Der Annahme der unflexiblen Abzocker-Initiative von Mundwasserkönig Thomas Minder steht wohl nichts mehr im Weg. Selbst über das 1:12-Projekt der Jungsozialisten, die Managerlöhne auf das Zwölffache eines Arbeitergehalts begrenzen wollen, lacht kaum noch einer. Man weiss ja nie. Und so mancher fürchtet sich bereits vor der allfälligen Volksmeinung zur Unternehmenssteuerreform III. 

Übrigens warnte Vasella im Mai die Politiker nicht nur. Er lieferte auch Konkretes. Sein Konzern konnte einen türkischen Mitarbeiter nicht nach Basel holen und verlegte kurzerhand die Arbeitsplätze des Teams ins Ausland. Bald dürften weitere Jobs folgen – dank Vasella & Co.

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