Die Verfechter eines Austritts Grossbritanniens aus der Europäischen Union behaupten, ihr Land würde durch einen derartigen Schritt mehr Freiheit und auch mehr Wohlstand erlangen. Sie argumentieren, Grossbritannien könne nach einem «Brexit» mit der EU rasch ein massgeschneidertes Abkommen aushandeln, in dem alle Vorteile des Freihandels ohne die Kosten der EU-Mitgliedschaft verankert wären. Ausserdem könnte man mit anderen Ländern bessere Handelsvereinbarungen treffen und enormen Nutzen ziehen, wenn man die mühsamen EU-Regulierungen losgeworden ist. Das ist allerdings ein Irrglaube.

Tatsächlich hätte ein Brexit enorme wirtschaftliche Kosten zur Folge. Die Ungewissheit und Diskontinuität eines schleppenden und zweifellos erbitterten Scheidungsverfahrens würden Investitionen und Wachstum hemmen. Eine dauerhafte Trennung würden zu einem Rückgang in den Bereichen Handel, Auslandsinvestitionen und Migration führen sowie dem Wettbewerb, dem Produktivitätswachstum und dem Lebensstandard schaden. Und aufgrund seiner «Unabhängigkeit» hätte Grossbritannien keinen Einfluss mehr auf künftige EU-Reformen, von denen man profitieren würde – insbesondere auf die Vollendung des Binnenmarktes für Dienstleistungen.

Langfristige Kosten von fast 10 Prozent des BIP

Das Centre for Economic Performance der London School of Economics beziffert die langfristigen Kosten für Grossbritannien aufgrund des geringeren Handelsvolumens mit der EU auf bis zu 9,5 Prozent des BIP, während sich der Rückgang der Auslandsinvestitionen auf 3,4 Prozent des BIP oder noch mehr belaufen könnte. Alleine diese Kosten stellen die potenziellen Gewinne aufgrund eines Brexits schon in den Schatten. Grossbritanniens Nettobeitrag zum EU-Haushalt betrug im letzten Jahr lediglich 0,35 Prozent des BIP und die Entsorgung von EU-Regulierungen brächte auch nur begrenzt Vorteile, da der britische Arbeitsmarkt und auch der Gütermarkt ohnehin bereits zu den freiesten Märkten der Welt gehören.

Der Austrittsprozess würde zu einer Verlängerung der Unsicherheit führen. Offiziell soll er zwei Jahre dauern, aber wahrscheinlich wird er wohl viel mehr Zeit in Anspruch nehmen. In den 1980er Jahren brauchte man drei Jahre, um den Austritt Grönlands (Einwohnerzahl: 50.000) zu verhandeln und das einzige strittige Thema damals war die Fischerei. Die Herauslösung Grossbritanniens (der zweitgrössten Volkswirtschaft der EU mit einer Bevölkerungszahl von 64 Millionen) wäre doch weit komplexer.

Das britische Pfund würde abstürzen

Ausserdem bedarf jedes Abkommen über eine neue Wirtschaftsbeziehung mit Grossbritannien der Einstimmigkeit unter den 27 verbleibenden EU-Mitgliedern. Und Grossbritannien müsste auch die über 50 Handelsabkommen zwischen der EU und anderen Ländern – von Grund auf – neu verhandeln. All das würde sehr lange dauern.

In der Zwischenzeit befänden sich Grossbritanniens Handelsregelungen und nationale Regulierungen in Schwebe. Entscheidungen in den Bereichen Investitionen und Beschäftigung müssten aufgeschoben oder aufgehoben werden. Das Pfund würde abstürzen.  Die ausländischen Investoren, die Grossbritanniens aktuelles Leistungsbilanzdefizit finanzieren – 7 Prozent des BIP im letzten Quartal des abgelaufenen Jahres – könnten die Risikoprämien auf britische Vermögenswerte anheben oder sich im schlimmeren Fall überhaupt zurückziehen. Alle diese Entwicklungen würden das Wirtschaftswachstum schwächen und die Haushaltspläne der Regierung gefährden.

EWR-Mitgliedschaft hat politische Nachteile

Zu dem Zeitpunkt, da die neuen Abkommen in Kraft treten würden, hätte Grossbritannien einen schlechteren Zugang sowohl zu EU- als auch zu den Weltmärkten. Die wirtschaftlich am wenigsten schmerzliche Option wäre eine Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum neben Norwegen, Island und Liechtenstein. Damit hätte man beinahe vollen Zugang zum Binnenmarkt (mit Ausstiegsmöglichkeiten aus den Bestimmungen in den Bereichen Landwirtschaft und Fischerei), wenngleich allerdings verbunden mit Zollkontrollen und anderen Handelshemmnissen wie den Ursprungsregeln.

Politisch allerdings wäre eine EWR-Mitgliedschaft mit Nachteilen verbunden. Grossbritannien müsste sich an die Regeln des Binnenmarktes halten und Rechtsvorschriften in Bereichen wie Verbraucherschutz, Umwelt und Sozialpolitik  erfüllen – hätte allerdings keinen Einfluss auf deren Formulierung. Ausserdem müsste man in das EU-Budget einzahlen, ohne etwas zurückzubekommen. Und man müsste EU-Bürger ungehindert in das Land lassen – ein Schreckgespenst für die meisten Befürworter eines Brexit. Angesichts der Tatsache, dass die Wiederherstellung der vermeintlich verlorenen Souveränität ein Hauptmotiv für den Brexit darstellt, wäre ein Arrangement, im Rahmen dessen Grossbritannien zahlen und Regeln befolgen müsste, aber nichts zu sagen hätte, wohl alles andere als verlockend.

Kein freier Zugang zum EU-Markt mehr

Der Handel mit der EU auf Grundlage der Bestimmungen der Welthandelsorganisation – wie von den Vereinigten Staaten und China praktiziert – würde noch die wenigsten politischen Beschränkungen mit sich bringen. Grossbritannien stünde es frei, fleissige steuerzahlende Migranten aus der EU auszuschliessen. Allerdings wären damit umgekehrt auch EU-Kontrollen für britische Bürger verbunden, was den Briten doppelt schaden würde.

Dieser Ansatz brächte Einfuhrzölle für britische Waren mit sich – einschliesslich 10 Prozent Zoll auf Autoexporte in die EU  - sowie auch nichttarifäre Hemmnisse. In Grossbritannien ansässige Finanzinstitutionen könnten ihre Produkte nicht mehr frei in die EU exportieren. Und ohne vollständigen Zugang zum 14 Billionen Euro schweren Binnenmarkt mit seinen 500 Millionen Verbrauchern würde man auch einen Rückgang bei ausländischen Investitionen verzeichnen. Zwischenlösungen wie das Schweizer oder das kanadische Modell sind kaum attraktiver.

EU hätte das Heft in der Hand

Die Befürworter eines Brexit behaupten, Grossbritannien könnte seinen eigenen speziellen Deal aushandeln und sich die Rosinen unter den Bestimmungen herauspicken.  Grossbritannien würde am längeren Hebel sitzen, so ihr Argument, weil es mehr von der EU kauft als dies umgekehrt der Fall ist. Aber auch das ist eine Illusion. Die USA weisen gegenüber der EU ebenfalls ein Handelsbilanzdefizit auf und können in den Verhandlungen über die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft dennoch nicht die Bedingungen diktieren. Ausserdem wiegen die Exporte in die EU im Ausmass von 13 Prozent des BIP für Grossbritannien schwerer als für die EU die Exporte nach Grossbritannien (lediglich 3 Prozent des BIP).

Kurzum: die EU hätte das Heft in der Hand – und würde gegenüber Grossbritannien zweifellos auch eine härtere Gangart einschlagen. Viele Akteure der Wirtschaft – von deutschen Autoherstellern über französische Bauern bis hin zu den Finanzzentren der EU – würden ihrer britischen Konkurrenz Hindernisse in den Weg legen wollen. Den EU-Regierungen ihrerseits wäre wohl daran gelegen, Grossbritannien zu bestrafen, nicht zuletzt, weil man sich bewusst ist, dass eine einvernehmliche Scheidung mit Grossbritannien den Anti-EU-Parteien wie dem französischen Front National Auftrieb verleihen würde, der seinerseits bereits ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft Frankreichs forderte.

Grossbritannien stünde mit Brexit viel schlechter da

Auch die neuen britischen Handelsabkommen mit Nicht-EU-Ländern enthielten möglicherweise ungünstigere Bestimmungen. Grossbritannien wäre durch protektionistische Interessen der EU zwar nicht lahmgelegt, aber seine kleinere Wirtschaft, die grösstenteils offenen Märkte und sein verzweifeltes Bemühen um Abkommen würden seinen Einfluss schwächen. Tatsächlich haben die USA bereits bekundet, dass man kein unmittelbares Interesse an Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit Grossbritannien hat. Und die protektionistischen Töne im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf in den Vereinigten Staaten deuten darauf hin, dass man in den nächsten Jahren wohl nicht allzu viel an Handelsliberalisierung sehen wird.

Die Abschätzung aller wirtschaftlichen Konsequenzen eines Brexit erweist sich als kompliziert. Unter dem Strich allerdings kann eines gesagt werden: Nach einem Austritt aus der EU stünde Grossbritannien viel schlechter da.

* Philippe Legrain ist ehemaliger Wirtschaftsberater des Präsidenten der Europäischen Kommission,  Gastprofessor am European Institute der London School of Economics sowie Autor von «European Spring: Why Our Economies and Politics are in a Mess – and How to Put Them Right».

Copyright: Project Syndicate, 2016.
www.project-syndicate.org

Anzeige