Vor über 50 Jahren zahlte ein Energieunternehmen aus der Deutschschweiz der Gemeinde Saas-Balen VS rund 20'000 Franken an die neue Kirche. Als Gegenleistung habe es die Wasserrechte erhalten, schreibt die Walliser Zeitung «Rote Anneliese». Zu arm war das Wallis damals, um die Wasserkraft selber zu nutzen.

So kam es, dass heute 80 Prozent der Walliser Wasserkraft in fremdem Besitz sind: Dadurch werden gemäss Expertenbericht «Strategie Wasserkraft» gerade mal 170 Millionen Franken in die Kassen der öffentlichen Hand gespült.

Das soll sich nun ändern: «Das Wallis soll zum Energieland werden», sagt der Walliser Wirtschafts- und Energiedirektor Jean-Michel Cina im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda.

Heimfall als Chance

Der Schwerpunkt liegt naturbedingt bei der Wasserkraft - und hier bietet der Heimfall eine einmalige Chance. Denn in den nächsten Jahrzehnten laufen die Konzessionen der Schweizer Wasserkraftwerke aus und fallen an die Gemeinden und den Kanton zurück. Damit hat das Wallis die Möglichkeit, dieses Mal seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. «In Zukunft wollen wir 60 Prozent der Wasserkraft kontrollieren», sagt Cina.

Ausserdem will der Kanton künftig die gesamte Wertschöpfungskette abdecken. Im Fokus steht der Stromhandel, der heute zum grössten Teil ausserhalb des Wallis' stattfindet.

Experten gehen in ihrem Bericht davon aus, dass der Kanton bei einer Selbstvermarktung mit einem «zusätzlichen Wertschöpfungspotential von rund 300 Millionen Franken» rechnen kann. Und auch der vom Bundesrat beschlossene Ausstieg aus der Atomenergie will der Bergkanton für sich nutzen.

Sicherlich könnten Photovoltaik und Windparkanlagen die Stromproduktion zur Spitzenzeit am Mittag übernehmen, sagt der Regierungsrat. «Aber was ist, wenn es dunkel ist? Und was ist, wenn kein Wind weht?» Nur Pumpspeicherkraftwerke könnten dann in die Bresche springen. «Deshalb müssen wir diese Kraftwerke auszubauen.»

Anzeige

Regierung holt EPFL ins Wallis

Doch das Wallis soll nicht nur finanziell von der Wasserkraft profitieren. Der Volkswirtschafts- und Energiedirektor möchte auch qualifizierte Arbeitsplätze im Bergkanton schaffen. Dazu wurde die ETH Lausanne (EPFL) mit ins Boot geholt. Bis 2015 soll eine Filiale der EPFL im Wallis mit elf Lehrstühlen entstehen - sieben davon im Fachbereich Energie. «Ähnlich wie in Neuenburg», sagt Cina.

Dort wurde 2009 eine auf Nano- und Mikrotechnik spezialisierte EPFL-Filiale installiert, die von der Nähe zur Uhrenindustrie profitieren will. Ein Forschungscenter für Mikrotechnik, genannt «Microcity», soll 2013 eröffnet werden.

Im Wallis hingegen ist es die Nähe zur Wasserwirtschaft, die sich positiv auf die Forschung auswirken soll. Geplant ist, dass sich die EPFL und die Fachhochschule Wallis einen gemeinsamen Campus teilen - zusammen mit KMU und Start-Ups.

Die Schweiz, so Cina, sei Weltmeister in Grundlagenforschung. «Wenn es aber darum geht, das Wissen konkret umzusetzen, hapert es. Und diese Lücke wollen wir schliessen, indem wir Forscher und Wirtschaftsleute auf dem Campus zusammenbringen.»

Positives Beispiel aus Neuenburg

Pierre-André Farine, Vizedirektor und Professor am Neuenburger Institut für Mikrotechnik hat bereits Erfahrung damit. Er sieht nur Vorteile in der Nähe seines Instituts zur Industrie und verweist auf das internationale Forschungsprojekt mit dem Namen MAC-TFC.

«Ziel des Projekts war, eine ultra-kleine Atomuhr herzustellen», erklärt Farine. Und dies sei auch gelungen. «Zusammen mit der Wirtschaft arbeiten wir nun daran, das Ergebnis aus dem Forschungsprojekt für die Industrie nutzbar zu machen.»

Das ist Wasser auf die Mühlen Cinas: «Ich habe nichts dagegen, wenn der Kanton Wallis dank seiner Energiestrategie beim interkantonalen Finanzausgleich eines Tages zum Nettozahler wird.»

(aho/sda)