Nach der kurzfristigen Absage der Gespräche in Hongkong zwischen den Protestierenden und der Regierung der Sonderverwaltungszone hat sich die Situation am Freitag erneut zugespitzt. Am Abend (Ortszeit) gingen Tausende pro-demokratische Demonstranten auf die Strassen.

Sie folgten einem Aufruf der Studentenführer, sich auf einem Autobahnabschnitt gegenüber dem Regierungsgebäude der chinesischen Sonderverwaltungszone zu versammeln. Einige Demonstranten kündigten am Abend an, solange bleiben zu wollen, bis die Regierung sich zu Gesprächen mit der Demokratiebewegung bereit erkläre.

Hier um zu bleiben

Ein AFP-Reporter schätzte die Zahl der Demonstranten auf etwa 7000. Viele kamen mit Zelten und Verpflegung und waren offensichtlich gewillt, lange auszuharren und im Finanzbezirk Strassen und Plätze zu besetzen.

«Ich habe hier unter der Brücke mein Lager aufgeschlagen, und ich werde hierher kommen, wann immer ich kann», sagte ein 23-jähriger Demonstrant. Andere haben Versorgungsstationen mit Wasser, Keksen und Nudeln eingerichtet. Selbst behelfsmässige Duschen wurden installiert.

«Wir müssen das hier tun, solange wir jung sind», sagte ein 18-jähriger Student. Es tue jetzt vielleicht weh, aber am Ende könnten sie nur gewinnen. Die Polizei rief die Demonstranten auf, Hindernisse auf den Hauptverkehrsstrassen zu räumen. Sie werde geeignete Massnahmen ergreifen, kündigte sie an, nannte aber keine Details.

Appell an Europa

Studentenführer Joshua appellierte an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. «Nur wenn Deutschland, Europa und die ganze Welt Druck auf China machen und für uns Solidarität zeigen, haben unsere Proteste eine Chance», sagte er der «Bild»-Zeitung (Freitag). Deutschland dürfe nicht allein wirtschaftliche Aspekte im Zusammenhang mit China in den Vordergrund stellen.

Merkel sagte am Freitag nach deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen bei einem gemeinsamen Auftritt mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang in Berlin, sie hoffe, dass die Demonstrationen friedlich blieben «und dass man in freiem Meinungsaustausch dann auch Lösungen findet, die die Bevölkerung in Hongkong zufriedenstellen».

Li weist Kritik zurück

Li betonte, das Thema gehöre «zur Innenpolitik Chinas». Alle Länder müssten «diese Souveränität respektieren». Die chinesische Regierung werde «die legitimen Interessen aller ausländischer Investoren in Hongkong, einschliesslich der deutscher Investoren» rechtmässig schützen.

Es habe keine Veränderung der Leitlinie «Ein Land - zwei Systeme» mit einem hohen Mass an Autonomie für Hongkong gegeben, und das werde auch so bleiben. «Die Erhaltung langfristiger Prosperität und Stabilität Hongkongs liegt nicht nur im Interesse Chinas, sondern noch mehr im Interesse der Einwohner der Metropole», sagte der Regierungschef.

Er sei überzeugt, dass die Hongkonger und die Regierung der Sonderverwaltungsregion in der Lage seien, «den Wohlstand der Stadt zu erhalten und auch die gesellschaftliche Stabilität zu wahren».

Mahnung aus Taiwan

Taiwans Präsident Ma Ying-jeou mahnte Peking zu demokratischen Reformen. «Jetzt ist der günstigste Zeitpunkt», sagte Ma am Freitag in seiner Ansprache zum Nationalfeiertag laut Redetext. Mit wachsendem Reichtum verlange die Bevölkerung auch Rechtssicherheit und mehr Demokratie.

«Dieser Wunsch galt niemals nur für den Westen, sondern für die ganze Menschheit.» In Hongkong solle Peking den Anfang für Reformen für das ganze Land machen.

Die seit zwei Wochen andauernden Proteste hatten sich an den Plänen Pekings entzündet, 2017 zwar erstmals eine direkte Wahl in Hongkong zu erlauben, den Wählern aber eine freie Nominierung der Kandidaten zu verweigern. Seit Rückgabe der ehemaligen britischen Kronkolonie 1997 an China wird Hongkong als eigenes Territorium autonom regiert.

(sda/gku)

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