Dutzende libysche Polizisten sterben bei einem Anschlag. Er trägt die Handschrift der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die sich in dem zerrütteten Land ausbreiten kann. Bewohner einer vom IS kontrollierten Stadt berichten von der Gewaltherrschaft der Terrormiliz.

Der Uno-Sondergesandte für Libyen, Martin Kobler, hatte gewarnt - wie so viele vor ihm auch. Der IS verstärke seine Präsenz in Libyen von Tag zu Tag, sagte er der italienischen Zeitung «La Stampa» kurz vor Weihnachten. Das zerrüttete Land, in dem sich zwei rivalisierende Regierungen gegenüberstehen, offenbart ein Machtvakuum, in dem sich Dschihadisten einnisten konnten.

Regierung von Islamisten dominiert

Wenn es noch eines Beweises für den Machtzuwachs von Extremisten in dem nordafrikanischen Land bedurft hätte, dann kam dieser am Donnerstag. Am Morgen fuhr ein Lastwagen vor dem Gelände eines Ausbildungslagers der Polizei in Sliten im Westen des Landes vor. Er war mit Sprengstoff gefüllt, explodierte und riss Dutzende Menschen - die meisten von ihnen wohl Rekruten der Küstenwache - in den Tod.

Sliten, eine wohlhabende Handelsstadt 160 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt, gilt nicht als Einflussgebiet von Extremisten. Trotzdem legt die Handschrift des Attentats nahe, dass hier der libysche Ableger der Terrormiliz IS ein blutiges Zeichen setzte. Berichte verschiedener TV-Sender, der Islamische Staat habe sich zu dem Anschlag bekannt, konnten zunächst nicht bestätigt werden.

Dennoch zeigt die Tat wie zuletzt auch ein Angriff des IS auf einen grossen Ölhafen, wie sich der Einfluss von Terroristen in dem Bürgerkriegsland ausweitet. Die von Islamisten dominierte Regierung in Tripolis und die international anerkannte Führung im östlichen Tobruk waren in den vergangenen Monaten zu sehr mit dem Kampf gegeneinander beschäftigt, als dass sie der Gefahr durch Dschihadisten konsequent begegneten.

IS-Herrschaftsgebiet um Sirte

Der IS-Ableger in Libyen nutzte dies, um sich ein Herrschaftsgebiet um Sirte, der Heimatstadt des 2011 gestürzten Langzeitmachthabers Muammar al-Gaddafi, aufzubauen. Ende 2015 sprachen Diplomaten noch von einem etwa 200 Kilometer langen Küstenstreifen im Zentrum des Landes, der vom Islamischen Staat kontrolliert werde.

Insgesamt sei es nicht sonderlich viel Land, noch sei die Unterstützung in der Bevölkerung für den IS relativ gering. Doch der Widerstand sei zu schwach um, um ihn an der Ausbreitung zu hindern. Denn während der Islamische Staat in seinem "Kalifat" in Syrien und im Irak stark unter Druck steht, scheint Libyen als weitgehend sicheres Pflaster zu gelten. Nur so können Gerüchte gedeutet werden, der IS verlege Mitglieder aus Syrien ans Mittelmeer.

Grausames Regime aufgebaut

Einwohner aus Sirte berichten von einem grausamen Regime, dass der IS-Ableger dort aufgebaut habe. «Jeden Freitagmittag rufen sie uns zu dem Platz der Stadt, damit wir an der Vollstreckung ihrer Urteile teilnehmen», erzählt ein Bewohner Sirtes. Manchmal bestehe die Strafe nur aus ein paar Schlägen wegen des Trinkens von Alkohol. «Aber an anderen Tagen schneiden sie die Köpfe von Menschen ab, denen zum Beispiel Hexerei vorgeworfen wird.»

Mit den Bewohnern Sirtes zu sprechen, ist gefährlich. Sie wollen ihre Namen nicht veröffentlicht sehen. Ihre Angaben passen zu anderen Berichten über das Vorgehen des IS in kontrollierten Gebieten, können aber nicht unabhängig überprüft werden.

Polizei, Rechtsprechung, die Steuerbehörden und die Medien seien unter IS-Kontrolle. «Normalerweise informieren sie die Bewohner über neue Gesetze über den lokalen Radiosender», sagt ein anderer Einheimischer. Seit November sei es verboten, Satellitenschüsseln zu benutzen. Der IS, der in Sirte mit 4000 Kämpfern vertreten sein soll, will sein kleines «Kalifat» von der Aussenwelt abschotten.

Westen bereitet angeblich Luftschläge vor

Die Beschreibungen der Menschen vor Ort und das blutige Attentat in Sliten zeigen vor allem, wie wichtig es ist, die Einigung von Politikern aus Tobruk und Tripolis vom Dezember schnell umzusetzen - künftig soll eine Regierung der nationalen Einheit das Land führen. Um den IS wirksam zu bekämpfen, braucht Libyen geordnete Strukturen.

Bis das der Fall ist, könnte es zunächst aber internationale Luftangriffe auf den Ableger der Terrormiliz geben. Der libysche UN-Botschafter Ibrahim Dabbashi sagte kürzlich, er rechne schon bald mit Luftschlägen. «Italien, Frankreich, Grossbritannien und die Vereinigten Staaten bereiten sich auf Luftangriffe auf die Stützpunkte des IS in Sirte vor. Ich glaube, sobald es die politischen Voraussetzungen erlauben, werden sie handeln.»

(sda/chb)

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