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«Versicherungsspitzel»
Der Faktor Fairness

Ein Detektiv observiert mit Feldstecher.
Detektiv bei der Arbeit: Völlig übertrieben oder völlig in Ordnung? Quelle: Gianmarco Specker

Weshalb uns Manager-Millionen oft kühler lassen als Sozialhilfe-BMWs.

Kommentar  
Von Ralph Pöhner
am 04.04.2018

Die Schweiz bekommt wohl jetzt ihr erstes Social-Media-Referendum. Vier Privatpersonen, darunter Schriftstellerin Sibylle Berg, organisieren digital eine Unterschriftensammlung – ihr Ziel: Das Gesetz zur Überwachung von mutmasslichen Versicherungs- und Sozialbetrügern soll gekippt werden. Damit hatte das Parlament in der letzten Session diverse neue Kontrollmittel erlaubt, etwa Detektive, Drohnen und GPS-Tracker. Fast zeitgleich mit dem Nationalrat debattierte auch das Zürcher Stadtparlament über eine «Observationsverordnung» und beschloss, künftig wieder Sozialdetektive einzusetzen.


In Online- und Zeitungskommentaren hörte man danach beide Male das bekannte Kritikmuster: Typisch Schweiz – da verfolgen wir die Ärmsten bis ins Schlafzimmer, aber Steuerhinterziehung behandeln wir als Kavaliersdelikt. In der Tat: Streng volkswirtschaftlich betrachtet ist das Verhältnis schräg. Politisch jedoch sieht die Sache anders aus, und instinktiv ahnten dies offenbar auch die linken Parteien und Gewerkschaften – weshalb sie ein Referendum gegen die nationalen Sozialkontrollen gar nicht erst prüften. Denn in die allgemeine Beurteilung von Steuer- wie Sozialbetrug spielt ein mächtiger, aber massiv unterschätzter Faktor der Ökonomie hinein: das Gefühl der Fairness. Der Homo oeconomicus will nicht immer nur Nutzen maximieren, er fordert auch Fairplay. Und dafür bezahlt er gern einen Preis.

Gleichheit ist nicht gleich Fairness

Das haben diverse Studien (etwa hier) und Sozialexperimente (etwa hier) bestätigt. Fairness, das heisst: Wer etwas verdient hat, soll es haben. Aber es geht nicht, wenn jemand für etwas belohnt wird, das ihm nicht recht zusteht. Diese Formel erklärt auch, weshalb eine Mehrheit der Bevölkerung die Megagehälter für Stars und Manager recht entspannt beurteilt; oder weshalb eine steigende Ungleichheit, obwohl ständig beschworen, kaum je politische Brisanz entfaltet. Die Milliarden der Blochers oder Buffets lassen kalt, solange wir sie als verdient empfinden. Und zwar viel kälter als der berühmte Sozialhilfe-BMW.


Gleichheit ist das eine, Fairness etwas völlig anderes. Aus demselben Grund erachten es die meisten Menschen als annehmbarer, dass einer jedes Steuerschlupfloch ausnützt, als wenn sich einer an IV-Geldern vergreift: Nicht geben ist weniger unselig als nehmen. Diese Grundhaltung prägt auch Recht und Rechtsprechung, so dass das unredliche Abgreifen von Sozialgeldern strafrechtlich verfolgt wird, während die Steuerhinterziehung – sowie die meisten Fälle der Schwarzarbeit – lediglich als Übertretung gelten.


Ob das so bleibt? In der Schweiz steht vielleicht bald ein Gross-Test dafür an, nämlich eine Volksabstimmung. Das Referendums-Team um Sybille Berg meldet, über 10'000 Personen seien bereit, Unterschriften gegen die «Versicherungsspitzel» zu sammeln.

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