Die Praktiken der USA sind wohl kaum ein Einzelfall. Jeder Geheimdienst auf dieser Welt wird in der einen oder anderen Form versuchen, an Informationen zu kommen. Somit ist hier wieder einmal nur die Spitze des berühmt-berüchtigten Eisberges zu sehen. Die damit verbundene Aufregung ist manchmal nur schwer nachzuvollziehen. Eigentlich wissen wir alle, dass unsere Mails, unsere Tweets und generell alle unsere digitalen Spuren potenziell aufgezeichnet und ausgewertet werden können. Sie sind auch grundsätzlich nicht mehr löschbar, denn Kopien sind nicht von Originalen zu unterscheiden.

Und doch schreiben wir tagtäglich teils äusserst private Informationen für eine unbekannte Leserschaft und freuen uns über möglichst viele «Likes» oder sonstige Zeichen der Sichtbarkeit und Wertschätzung. Allerdings sind diese Informationen in den allermeisten Fällen ohne jeglichen Wert für den neugierigen Schnüffler. Somit scheint sich auch die Mehrheit der Internetnutzer nicht sonderlich viel Gedanken über Abhörpraktiken von Geheimdiensten zu machen. Wohl zu Recht, weil es keine Relevanz für die einzelne Person hat.

Wahrnehmung und Bedürfnisse der Gesellschaft ändern sich

Diese Betrachtungsweise ändert sich aber sofort, wenn betriebliche Informationen auf den gleichen Wegen verschickt werden. Diese können sehr wohl einen hohen unternehmerischen und potenziell auch militärischen Wert haben. Da die Trennlinie zwischen der beruflichen und privaten Welt zunehmend verschwindet, die Mitarbeitenden oft ihre eigenen elek­tronischen Gadgets in beiden Welten verwenden, ist wohl auch die differenzierte Betrachtung der verschickten Informationen nicht mehr zu gewährleisten.

Warum nur werden die meisten Informationen immer noch in Klartext verschickt, wenn doch längst marktreife Lösungen für sichere Verfahren verfügbar sind? Doch damit ist die Problematik längst nicht erschlagen. Auch wenn der Inhalt versteckt bleibt, ist nur schon die Tatsache, dass Informationen von A nach B verschickt werden, eine wesentliche ­Erkenntnis. Wenn solche Kommunikationen über die Zeitachse betrachtet werden, können Muster daraus abgeleitet und Schlüsse gezogen werden. Da es bei den Schlüssen grundsätzlich um Hypothesen geht, welche erst noch zu verifizieren sind, ist die Fehlerwahrscheinlichkeit auch entsprechend hoch.

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Wahrnehmung und Bedürfnisse der Gesellschaft ändern sich

Wir alle ­mögen uns noch an 9/11 erinnern. Die Bilder, der Schrecken und der Unglauben, dass so etwas passieren kann. Hätte die Enthüllung der Abhörpraktiken kurz nach diesem Ereignis stattgefunden, wäre wohl die Reaktion viel differenzierter ausgefallen, weil die Sicherheitsbedürfnisse der betroffenen Gemeinschaft einen höheren Stellenwert hatten als die Selbstverwirklichung des Individuums dieser Gemeinschaft. Und so konnten die Geheimdienste dieser Welt legitimiert an den Aufbau ihrer Konzepte und deren Umsetzung schreiten. Weil sich nun jedoch die Gesellschaft verändert und schlimme Ereignisse vergisst, verdrängen soziale Bedürfnisse und der Drang zur Selbstverwirklichung die ­Sicherheitsbedürfnisse, zumal das Empfinden stark relativ und subjektiv aus­geprägt ist. Es ist doch auch schön, zu ­sehen, dass sich in einer demokratischen Welt auch immer wieder eine Gegenbewegung bildet, welche Exzesse aufdeckt und so schliesslich unser System wieder korrigiert.

* Thomas Keller, Head of Institute for Business Information Management and Technology, ZHAW School of Management and Law, Winterthur