«Diese Wirtschaft tötet» – ein Satz, hundertmal drastischer als ihn die Schweizer Jusos formulieren würden. Er stammt aus der Feder von Papst Franziskus. In seinem apostolischen Schreiben rechnet das katholische Kirchenoperhaupt mit der heutigen Wirtschaftsordnung ab – und das in einem der Kirche untypisch wütenden Ton: «Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Strasse zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.»

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Grundsätzlich ist Kritik des Vatikans am kapitalistischen System nicht neu. Schon Ende des 19. Jahrhunderts befasste sich eine päpstliche Enzyklika mit sozialen Fragen. Im Jahr 1931 – also kurz nach der ersten grossen Weltwirtschaftskrise – forderte Papst Pius XVI in der Schrift «Quadragesimo Anno» ein ausgewogenes Verhältnis von Kapital und Arbeit. «Kirche und Wirtschaft stehen seit jeher in einem Konkurrenzverhältnis», sagt Peter Seele, Professor für Wirtschaftsethik an der Universität Lugano.

Benedikt XVI analysierte die Finanzkrise

Zuletzt kritisierte Franziskus' Vorgänger Papst Benedikt XVI im Frühsommer 2009 – also auf dem Höhepunkt der bis heute andauernden zweiten Weltwirtschaftskrise – das Gebahren der Finanz- und Unternehmenswelt: «Man muss vermeiden, dass die finanziellen Ressourcen zur Spekulation verwendet werden und man der Versuchung nachgibt, nur einen kurzfristigen Gewinn zu suchen», hiess es in der Enzyklika «Caritas in Veritate».

Zudem mahnte der Vatikan an, dem Nutzen von Investitionen für die Realwirtschaft mehr Beachtung zu schenken – ebenso der Förderung von wirtschaftlichen Initiativen in Entwicklungsländern. In kirchlicher Sprache verfasst, analysierte das Werk sachlich die Versäumnisse von Politik und Wirtschaft, die dem Vatikan zufolge zur Finanzkrise führten. «Caritas in Veritate war zielgerichtet formuliert und von der Vision einer besseren, in sich gerechteren Marktwirtschaft inspiriert», sagt Ulrich Thielemann, Gründer der Berliner Denkfabrik für Wirtschaftsethik und bis 2010 Vizedirektor am St. Galler Institut für Wirtschaftsethik. Diese Vision mit einem entsprechend milden Ton findet Thielemann in Franziskus' Schrift hingegen nicht. 

«Deutlich schärfer formuliert als frühere kirchliche Dokumente»

Der Tonfall, den Franziskus stattdessen anschlägt, ist für ein Dokument aus dem Vatikan wohl beispiellos: «Das apostolische Schreiben ist deutlich schärfer formuliert als frühere kirchliche Dokumente, die sich mit der Wirtschaft auseinandergesetzt haben», sagt Ueli Mäder, Soziologieprofessor an der Universität Bern.

Wirtschaftsethiker Seele findet es bemerkenswert, dass «Franziskus im Gegensatz zu früheren Geldkritiken in eigenen Worten die aktuellen Themen der gesellschaftspolitischen Diskussion um Wirtschaft und Ethik aufgreift». Und dies, «ohne an säkulare Modethemen wie Nachhaltigkeit, Corporate Social Responsibility, Generationengerechtigkeit oder soziale Kohäsion zu erinnern».

«Franziskus kennt die Not»

Gut möglich, dass Franziskus einen so scharfen Ton wählte, weil fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise seiner Ansicht noch zu wenig geschehen ist, um das Wirtschaftssystem ausgewogener zu gestalten. Möglich auch, dass der Grund dafür in Franziskus' Herkunft zu finden ist: Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind in Argentinien und anderen Ländern Südamerikas oftmals prekärer als in Europa, die ökonomiche Ungleichheit grösser. «Franziskus kennt die Not», sagt Mäder. «Der Papst kritisiert nicht nur Auswüchse, sondern eine gleichgültige Haltung – er kritisiert, wie wir uns auf Kosten anderer bereichern.»

Und Franziskus hat neue Missstände ausgemacht, die seiner Ansicht möglicherweise auch eine neue Sprache rechtfertigen: Es gehe nicht mehr nur um das Phänomen der Unterdrückung und Ausbeutung, schreibt er. «Mit der Ausschliessung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draussen», so Franziskus. Die Ausgeschlossenen seien heute nicht mehr «Ausgebeutete», sondern «Abfall».

Der Wirtschaftsverband Economiesuisse lehnte eine Stellungnahme zur Kapitalismus-Kritik von Papst Franziskus am heutigen Mittwoch ohne Angabe von Gründen ab.