Nach dem eher unerwarteten Ausscheiden der Umweltschützerin Marina Silva im ersten Wahlgang haben die Brasilianer am Sonntag die Wahl zwischen Dilma Rousseff und Aécio Neves. Ein Déjà-vu für die Wähler: Wie jedes Mal seit 1994 treten damit auch 2014 im entscheidenden Wahlgang die linke Arbeiterpartei und die wirtschaftsliberalen Sozialdemokraten gegeneinander an.

Auch wenn die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff den ersten Wahlgang klar gewonnen hat, ist ihr Sieg in der Stichwahl noch nicht im Trockenen. Umfragen zeigen, dass der Politaristokrat Aécio Neves und die ehemalige Guerilla-Kämpferin Dilma Rousseff praktisch Kopf-an-Kopf liegen. Wenig überraschend wird der Wahlkampf mit harten Bandagen geführt.

Schwächeanfall nach TV-Duell

Gerade die Fernsehdebatten waren geprägt von gegenseitigen Korruptionsvorwürfen und persönlichen Angriffen. Nach dem heftigen Schlagabtausch am vergangenen Donnerstag verlor Dilma Rousseff während einem anschliessenden Live-Interview kurzzeitig sogar fast das Bewusstsein und musste sich setzen. Und während Neves-Anhänger die Episode als durchsichtige Schauspieleinlage abtaten, versuchte auch das Lager der Präsidentin aus dem Schwächeanfall politisches Kapital zu schlagen. Der Macho Neves wisse offenbar nicht, wie man mit Damen umgehe, sagte Ex-Präsident Lula den Medien.

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Schlägereien zwischen Anhängern

Die Härte im diesjährigen Wahlkampf überrascht auch brasilianische Beobachter. Das Land ist in zwei fast gleich grosse Lager geteilt, die sich unerbittlich gegenüberstehen. Bereits kam es zu Schlägereien zwischen den Anhängern der beiden Kandidaten. Denn es ist klar: Während der Mittelstand und die Oberschicht von den vier Jahren unter Dilma zutiefst enttäuscht sind, halten ihr die Armen weiterhin die Treue. Sie wird in den armen Bevölkerungsschichten als legitime Nachfolgerin von Lula empfunden, der wegen seiner Sozialprogramme immer noch extrem populär ist.

Guerillakämpferin gegen Politprinz

Zwischen den Kandidaten verläuft aber nicht nur ein ideologischer Graben. Auch der persönliche Hintergrund der beiden könnte kaum unterschiedlicher sein. Die Präsidentin stammt aus dem Mittelstand. Ihr Vater war aus Bulgarien eingewandert und hatte sich eine bescheidene Existenz aufgebaut. Dilma selbst hatte sich als Studentin der marxistischen Stadtguerilla angeschlossen und war während der Militärdiktatur in den Siebziger Jahren im Gefängnis gefoltert worden.

Dem zwölf Jahre jüngeren Aécio Neves hingegen war die steile Politkarriere bereits in die Wiege gelegt worden. Sein Grossvater Tancredo Neves war Premierminister und wurde 1985 zum ersten Präsidenten nach der Militärdiktatur gewählt. Der beliebte Gegner der Diktatur starb aber noch vor der Amtseinführung. Und auch Aécios Vater war ein bekannter Politiker und Abgeordneter im Kongress – anders als der Grossvater aber als Unterstützer der Diktatur.

Marina Silva unterstützt Aécio Neves

Der Sieg von Rousseff in einer allfälligen Stichwahl gegen Neves galt deshalb lange Zeit als sicher. Zu abgehoben und weit entfernt von den Sorgen und Nöten des Grossteils der Bevölkerung schien der Herausforderer. Erst mit dem Ausscheiden von Marina Silva hat sich die Ausgangslage gewandelt. Silva, die selbst aus ärmsten Verhältnissen stammt und erst mit 16 Jahren lesen und schreiben lernte, hat sich auf die Seite von Neves geschlagen.

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Das Land ist seit dem ersten Wahlgang in zwei fast gleich grosse Blöcke nach traditionellem Links-Rechts-Schema geteilt. Auf der einen Seite steht die Politik der Arbeiterpartei mit ihren hohen Sozialausgaben und nachfrageorientierten Massnahmen. Und auf der anderen Seite steht der Liberalismus von Neves' Sozialdemokraten, die versprechen, die Staatsfinanzen wieder ins Lot zu bringen.

Kaum Handlungsspielraum

Dass die Wirtschaft auf eine Abwahl von Dilma setzt, zeigt die Korrelation der Aktienkurse und der brasilianischen Währung mit den Umfrageergebnissen. Immer wenn ein Sieg von Rousseff prognostiziert wurde, brach die Börse und der brasilianische Real ein.

Ob der Unterschied zwischen Rousseff und Neves aber auch in der Realpolitik derart gross wäre, wie der politische Hintergrund und die Polarisierung des Landes vermuten lassen, ist zumindest fraglich. Im Parlament wird die Arbeiterpartei auch nach den Wahlen eine wichtige Kraft bleiben. Die Möglichkeiten für Neves, seine Reformen umzusetzen, werden damit sehr begrenzt bleiben.

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