Nach der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica wurde der serbische Premier Aleksandar Vucic mit Pfiffen empfangen. Danach flogen Steine, Flaschen, Schuhe und alles, was bei der Hand war, gegen den serbischen Premier und seine Begleiter. «Tötet Vucic», schrien die Angreifer. Auch «Allah ist der Grösste»-Rufe waren zu hören.

Noch Stunden vorher war der Empfang für den serbischen Ministerpräsidenten bei der Gedenkstätte in Potocari ein ganz anderer. «Du bist jung, du kannst alles wiedergutmachen», sagte eine der «Mütter von Srebrenica» zu Vucic. Für die Frau, die im Juli 1995 in Srebrenica ihre Liebsten verlor, war das keine einfache Geste.

Für den serbischen Regierungschef - selbst ein ehemaliger Ultranationalist - war die Entscheidung, zu der Gedenkfeier nach Srebrenica zu reisen, auch nicht leicht. Als erster serbischer Premier wohnte er der Gedenkfeier für die von bosnisch-serbischen Truppen ermordeten Bosniaken (Muslime) bei.

«Hand der Versöhnung bleibt gereicht»

«Für jeden Serben werden wir 100 Muslime töten», war am Samstag auf einem Transparent der Demonstranten in Potocari zu lesen. Diesen Satz soll Vucic während des Bosnien-Krieges (1992-1995) gesagt haben.

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Vucic selbst gab sich nach dem Vorfall betont gelassen: "Meine Hand der Versöhnung bleibt gereicht. Ich werde meine Politik fortsetzen", erklärte der sichtlich von dem Angriff gezeichnete serbische Ministerpräsident nach seiner Rückkehr in Belgrad. Dummköpfe gebe es auf allen Seiten, auch auf der serbischen, meinte er.

Der nun 45-jährige serbische Ministerpräsident hatte sich vor sieben Jahren von seinem ultranationalistischen Parteichef - dem in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagte Vojislav Seselj - getrennt, um einen proeuropäischen Weg einzuschlagen und sein Land in die EU zu führen.

Weg der Versöhnung

In den vergangenen Jahren hat Vucic manches erreicht, was seine demokratischen Amtsvorgänger nicht zu tun wagten. Im April 2013 war sein Wort entscheidend, als es um eine erste Vereinbarung Belgrads im mühsamen Normalisierungsdialog mit Pristina ging, auch wenn er damals nur Vizepremier war.

Seit gut einem Jahr ist Vucic Regierungschef. Er leitet nun selbst den Dialog mit Pristina, der zwar langsam, aber doch vorwärtskommt. Belgrad lehnt es aber nach wie vor ab, die Unabhängigkeit seiner ehemaligen Provinz Kosovo anzuerkennen.

Doch Vucic setzt auf Versöhnung: Als erster serbischer Regierungschef seit dem Zweiten Weltkrieg besuchte er Albanien. Dort kündigte er auch eine Wende in der serbischen Russland-Politik an.

Belgrad werde sich nicht mehr ausschliesslich aus Russland mit Gas versorgen, erklärte Vucic und erntete damit negative Reaktionen Moskaus, aber auch manch eines serbischen Politikers. So gilt auch Staatspräsident Tomislav Nikolic als ausgesprochener Russlandfreund.

Belastete Beziehungen

Die Beziehungen Belgrads zu Bosnien-Herzegowina bleiben nach wie vor schwierig, auch wegen der Unterstützung Serbiens für den separatistischen Präsidenten der bosnisch-serbischen Teilrepublik, Milorad Dodik. Für Spannungen sorgt auch regelmässig die schwierige Vergangenheit.

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So wurde der serbische Präsident Nikolic vor wenigen Wochen von der Srebrenica-Gedenkfeier offiziell ausgeladen, nachdem in der Schweiz der ehemalige Kriegskommandant von Srebrenica, Naser Oric, festgenommen worden war. Die Festnahme erfolgte auf Grundlage eines serbischen Haftbefehls, was in Sarajevo für Empörung sorgte.

Am Samstagabend reagierte die dreiköpfige Staatsführung Bosniens einheitlich wie selten und richtete wegen der Attacke eine Entschuldigung an Vucic. Sie bedankte sich beim serbischen Regierungschef für dessen Besuch in Srebrenica.

Er habe dies im Geiste der Versöhnung getan, um den Opfern seine Ehre zu erweisen, stellten die drei Präsidiumsmitglieder - der Bosniake Bakir Izetbegovic, der Serbe Mladen Ivanic und der Kroate Dragan Covic - fest.

«Angriff auf unsere Würde»

«Dies war ein Angriff auf uns, auf unsere Würde», kritisierte auch die Leiterin der Opferorganisation "Mütter von Srebrenica", Munira Subasic, den Angriff auf Vucic. Sie hatte Stunden vorher die «Blume von Srebrenica» an das Revers des serbischen Premiers gesteckt.

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Die weissen Blüten sollen an die Unschuld der Ermordeten und das grüne Zentrum an das Prinzip Hoffnung erinnern. Sie sei enttäuscht und verletzt, als ob sie selbst angegriffen worden wäre, sagte Subasic.

(sda/chb)