Nach dem 14-stündigen Streik der Lokführer läuft der Bahn-Verkehr seit Donnerstagmittag wieder weitgehend planmässig. Aber nicht mehr lange: Die Lokführergewerkschaft GDL hat ihre Mitglieder im Tarifstreit mit der Bahn zu neuen bundesweiten Streiks aufgerufen.

Im Personenverkehr sollen die Lokführer am Samstag ab 2.00 Uhr die Arbeit niederlegen, im Güterverkehr bereits am Freitag ab 15.00 Uhr, teilte die GDL am Freitag mit. Ende der Streiks ist Montagmorgen um 4.00 Uhr.

Von Reisen in den Grossen Kanton wird abgeraten

Auch der Schweizer Bahnverkehr ist vom Lokführerstreik betroffen: So fallen etwa die direkten Verbindungen von Zürich und Bern nach Deutschland am Samstag und Sonntag aus.

Die Züge von Zürich nach Stuttgart respektive München würden nur bis nach Schaffhausen beziehungsweise Bregenz geführt. Die Nachtzüge ab Basel verkehrten dagegen normal, erklärte die SBB auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Nähere Informationen über die genauen Auswirkungen lägen zur Zeit noch nicht vor. Auf der Internetseite rät die SBB derzeit von einer Reise nach Deutschland ab.

Anzeige

Die Deutsche Bahn plant derweil Ersatzfahrpläne für die beiden Streiktage am Samstag und Sonntag, wie ein Sprecher am Freitag sagte. Die Details würden noch ausgearbeitet und sollten im Laufe des Tages veröffentlicht werden. Online könnten Kunden zum Teil bereits sehen, ob ihre Zugverbindung ausfällt oder nicht.

«Die GDL läuft Amok»

Mit ihrem für das gesamte Wochenende angekündigten Streik hat die Lokführergewerkschaft GDL aus Sicht der Deutschen Bahn jedes Mass verloren. «Die GDL läuft Amok», hiess es am Freitag in einer Erklärung der Bahn. Der Konzern erinnerte daran, dass am Samstag und Sonntag in rund der Hälfte der Bundesländer die Schulferien beginnen oder zu Ende gehen. Ohne Not würden mit dem Streik Millionen von Menschen die Ferien verdorben.

Es werde immer deutlicher, dass es nicht um die Interessen der Lokomotivführer gehe, «sondern um Allmachtsfantasien eines Funktionärs», wie die Deutsche Bahn weiter schreibt. Bei ihrer Aussage bezieht sie sich auf Claus Weselsky, den Vorsitzenden der Lokführergewerkschaft.

Die Deutsche Bahn hat nach der Streik-Ankündigung der Lokführergewerkschaft GDL ein neues Angebot vorgelegt und fordert, den Arbeitskampf am Wochenende auszusetzen. Am Sonntag könnten sich Bahn und GDL dann zusammensetzen, sagte ein Bahn-Sprecher am Freitag in Berlin. Es bleibe aber dabei, dass es Tarif-Konkurrenz verschiedener Gewerkschaften für die gleiche Berufsgruppe im Unternehmen nicht geben dürfe.

Bahnstreik könnte Schlüsselbranchen treffen

Die deutsche Wirtschaft warnt vor negativen Folgen der Streiks bei der Deutschen Bahn. Neben dem Ärgernis für Reisende führen Streiks laut dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) auch im Güterverkehr bereits nach wenigen Tagen zu Produktionsstörungen.

Bahntransporte könnten oft nicht kurzfristig auf Strassen oder Schiffe verlagert werden, erklärte Achim Dercks, der stellvertretende Geschäftsführer des DIHK.

Anzeige

Der Anteil der Schiene im Güterverkehr liege derzeit zwar nur bei rund 16 Prozent. «In Schlüsselbranchen wie der Automobilindustrie ist die Produktionskette aber komplett auf Just-in-time-Produktion ausgerichtet.» Zuliefer- und Produktionstermine seien also genau aufeinander abgestimmt. «Warenlager helfen nur die ersten Tage, dann stockt die Fertigung», warnte Dercks.

Lokführer streikten bereits am Mittwoch

Die Lokführergewerkschaft GDL hatte bereits von Mittwoch 14 Uhr bis zum Donnerstag um 4 Uhr gestreikt. Nach ihren Angaben standen insgesamt 85 Prozent der Güter- und Personenzüge still.

Die Fronten zwischen GDL und Bahn haben sich mit dem Streik weiter verhärtet. Die Bahn hatte für Mittwoch geplante Sondierungsgespräche wegen des Aufrufs zum Arbeitskampf abgesagt. Man sei aber weiter verhandlungsbereit, sagte Personalvorstand Ulrich Weber. «Nur dazu gehören zwei.»

Anzeige

Fünf Prozent mehr Lohn gefordert

Die GDL verlangt fünf Prozent mehr Lohn sowie die Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Kern des Konflikts ist aber, dass sie dies nicht mehr allein für die 20.000 Lokführer fordert, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer. Diese will jedoch die grössere EVG weiter vertreten. Die Bahn lehnt konkurrierende Abschlüsse für die gleiche Berufsgruppe ab.

GDL-Chef Claus Weselsky sprach von unhaltbaren Vorbedingungen der Bahn und lehnte eine Schlichtung ab. «Glaubt die DB mit gebetsmühlenartigen Wiederholungen, den Konflikt auf dem Rücken der Fahrgäste aussitzen zu können, so sind weitere befristete Streiks vorprogrammiert», drohte er.

(reuters/awp/sda/ise/ama/chb)