EU-Beschlüsse sorgen in der Schweiz selten für Jubel. Oft bedeuten sie für hiesige Firmen, die Kosten für eine Anpassung zu zahlen. Für Konsumenten können die Entscheidungen im Ausland allerdings Vorteile haben – wie jetzt im Fall der Roaming-Gebühren für das Handy. Das EU-Ausland hat die Kosten dafür gedeckelt – so weit, dass Nutzer hierzulande jetzt günstiger mit einem deutschen Handyvertrag telefonieren als mit einem schweizerischen.

Die Roamingdebatte ist eine leidige, sowohl in der EU als auch in der Schweiz. Zwar nahm der Nationalrat bereits 2011 eine Motion an, die forderte, dass sich der Bundesrat die Regelung der EU zum Vorbild nimmt und einheitliche Höchsttarife festlegt. Im März 2013 sistierte der Ständerat allerdings die Beratung.

Schweiz parliert, Europa reguliert

Das gleiche Schicksal erlitt ein Vorstoss für gedeckelte Preise von den SVP-Nationalräten Thomas Fuchs und Natalie Ricklin. Im September 2013 vertagte der Ständerat das Geschäft um mehr als ein Jahr. Und die Schweizer zahlen nach wie vor viel Geld für das Telefonieren im Ausland.

Während die Schweiz also diskutiert, hat die EU die Kosten für Roaming bereits mehrfach gesenkt. Seit dem 1. Juli dieses Jahres darf ein Anruf in das europäische Ausland nicht mehr teurer sein als 19 Cent pro Minute. Für einen eingehenden Anruf dürfen nicht mehr als fünf Cent verrechnet werden. Die Preisobergrenze für Kurznachrichten liegt bei 6 Cent. Und ein Megabyte kostet maximal 20 Cent.

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Nach dem Willen des EU-Parlamentes sollen die Gebühren für die Handy-Nutzung und das mobile Internetsurfen im europäischen Ausland zum Dezember 2015 sogar ganz wegfallen. Hier fehlt allerdings noch die Zustimmung der EU-Staaten.

Flatrate für Europa

Wichtig für Schweizer Handynutzer: Durch die EU-Regelung wurden auch die deutschen Anbieter gezwungen, ihre Tarifstruktur zu überarbeiten. Und viele bieten jetzt Flatrates an, die günstiger sind als Schweizer Tarife – und mit denen Kunden auch hier telefonieren können.

Die deutsche Telekom offeriert beispielsweise eine europaweit gültige Flatrate für unter 40 Euro pro Monat. Damit surfen, telefonieren und schreiben Kunden europaweit zum einheitlichen Tarif, ohne Datenlimit und ohne Gesprächsbegrenzung.

Europa-Flatrate deckt auch Schweiz ab

Das Angebot gilt auch für Telefonate in der Schweiz: Die Deutsche Telekom zählt die Schweiz zur «Roaming-Ländergruppe 1»; damit ist sie dem EU-Ausland gleichgestellt. Auch Vodafone, ebenfalls einer der gewichtigsten Anbieter im deutschen Mobilfunkmarkt, weitet seine Europaflat auf die Schweiz aus.

Vodafone bietet unbegrenztes Telefonieren und Schreiben ohne zusätzliche Roaming-Gebühren; Datenlimit bei 300 Megabyte; keine Zusatzkosten für Datennutzung im Ausland. Kosten: unter 35 Euro pro Monat. Wer unlimitiert surfen will, zahlt 20 Euro mehr pro Monat.

Swisscom, Sunrise und Orange sind teurer

Im Klartext bedeutet das, dass Kunden deutscher Anbieter im Schweizer Netz unbegrenzt surfen, telefonieren und schreiben können – zu einem Tarif, der konkurrenzlos niedrig ist. Der günstigste Swisscom-Grundtarif ohne Beschränkungen liegt bei 55 Franken. Dafür muss man aber unter 26 sein. Und für das Ausland gelten die üblichen, hohen Preise. Auch Orange und Sunrise können mit den deutschen Preisen nicht mithalten.

Die hiesigen Anbieter lassen sich von der Konkurrenz aus dem Ausland nicht unter Druck setzen. Einen jungen Deutschen lies die Swisscom mit einer Anfrage abblitzen. Er wollte via Facebook wissen: «Neuerdings hat die Telekom die All-Inclusive-Option eingeführt (...). Für einen in der Schweiz lebenden Deutschen klingt dieses Angebot einmalig.» Er fragte, welches Swisscom-Angebot besser sei und, falls es keines gebe, ob die Swisscom derzeit an verbesserten Roaming-Konditionen arbeite.

Einen Monat später antwortete die Swisscom, sie würden die Roaming-Preise regelmässig und deutlich senken und verwies auf die Möglichkeit, zusätzliche Datenpakete zu buchen. Der junge Nutzer zeigte sich enttäuscht.  Er wolle kein Datenpaket, sondern einen internationalen Vertrag.

Wohnsitz in Deutschland nötig

Die entspannte Haltung der Schweizer Anbieter ist sicher auch auf eine Hürde beim Telefonieren zu deutschen Preisen zurückzuführen: Für einen Vertragsabschluss in Deutschland braucht der Nutzer einen deutschen Wohnsitz.

Darum bremsen auch die deutschen Anbieter. Telekom-Sprecher Dirk Wende sagt: «Bei dem Angebot handelt es sich um eine Dienstleistung  für in Deutschland wohnhafte Kunden». Weil die Schweiz beliebtes Urlaubs- und Reiseland sei, habe man sich dafür entschieden, sie den Europaländern gleichzustellen. Er hält fest, dass die Deutsche Telekom weder auf den Schweizer Mobilfunkmarkt noch in Konkurrenz zu etablierten Anbietern treten möchte. Ähnliches schreibt Vodafone-Sprecher Thorsten Höpken: «Inwieweit die Angebote mit denen der lokalen Anbieter konkurrieren, können wir nicht beurteilen.»

Haftung bleibt

Wer also Verwandte oder Freunde in Deutschland hat, die einen Mobilfunkvertrag im Auftrag abschliessen, der kann günstiger telefonieren. Die Deutsche Telekom etwa prüft nicht, ob Vertragsinhaber und Nutzer identisch sind. Allerdings, so warnt Telekomsprecher Wende: «Die Haftung liegt beim Vertragsinhaber.»