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Deutsche Firmen fürchten Chemnitz-Effekt

Chemnitz
Demonstration in Chemnitz. Quelle: Keystone .

Ausschreitungen in Chemnitz: Siemens-Chef Kaeser hat erneut gewarnt, dass Rassismus dem Wirtschaftsstandort Deutschland schade.

Veröffentlicht am 03.09.2018

«Sehr besorgt». Das ist noch der vorsichtigste Ausdruck, mit dem der Hauptgeschäftsführer der IHK Chemnitz, Hans-Joachim Wunderlich, die Entwicklung der vergangenen Tage kommentiert. Denn der Aufmarsch der Rechten in der sächsischen Stadt ruft seit Tagen nicht nur besorgte Politiker auf den Plan. «Das Bild, das jetzt von unserer Stadt weltweit gezeichnet wird, droht jetzt auch unsere Anwerbeversuche von Arbeitskräften im In- und Ausland zunichte zu machen», warnt Wunderlich.

Sogar im fernen Neuseeland sei sein Sohn auf rechte Ausschreitungen und den gezeigten Hitlergruß in Chemnitz angesprochen worden. Und die IHK ist mit ihrer Besorgnis längst nicht mehr allein: Siemens-Chef Joe Kaeser hat am Wochenende zum wiederholten Male gewarnt, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus dem Wirtschaftsstandort Deutschland schade. «Wir stehen im Wettbewerb um ausländische Fachkräfte», sagt auch der Präsident des Deutschen Handwerks, Peter Wollseifer.

Kaeser sorgt sich um Stimmung bei den Mitarbeitern

Tatsächlich gibt es verschiedene Gründe, warum einige Manager und Unternehmer plötzlich aus der Deckung kommen und mobil machen. Der Siemens-Chef etwa sorgt sich um die Stimmung in dem Konzern - das nicht nur 130.000 Mitarbeiter in Deutschland hat, sondern 378.000 weltweit. Bei denen kommt es nicht gut an, wenn im Stammland der Firma fremdenfeindliche Gruppierungen den Eindruck erwecken, dass Ausländer nicht mehr erwünscht seien.

Ein Weltkonzern lebt zudem vom Image nicht nur der eigenen Firma, sondern auch des Landes. Kaeser hatte schon im Mai gerügt, dass andere Dax-Chefs sich nicht kritischer zur Ausgrenzungsrhetorik der AfD äusserten. Er selbst bezeichnete die «Kopftuchmädchen»-Bemerkung von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel als Gefahr für das Ansehen Deutschlands - und wurde danach bedroht.

Dabei betonen im Hintergrund etliche Firmenbosse seit 2015 immer wieder, dass die Aufnahme syrischer Flüchtlinge deutschen Unternehmen weltweit einen Sympathieschub gebracht habe - völlig unabhängig davon, wie umstritten dies in der deutschen Innenpolitik war.

«Ich unterstütze alles, was der Siemens-Chef gesagt hat», stellt sich IHK-Hauptgeschäftsführer Wunderlich hinter Kaeser. Er blickt vor allem mit Sorge auf den Arbeitsmarkt. «Es ist doch eine völlig paradoxe Situation: Wir haben in Chemnitz eine Arbeitslosenquote von nur 5,1 Prozent - uns ging es noch nie so gut», sagt er. «Parallel dazu haben wir 5000 offene Stellen allein in der Stadt und 30.000 in dem IHK-Bezirk. Wir brauchen also dringend Arbeitskräfte.» Aber mit dem weltweiten Image, dass Neonazis die Stadt als Aufmarschgebiet missbrauchen und Menschen mit Migrationshintergrund bedrohen, wird dies schwierig. Das sieht auch BDI-Chef Dieter Kempf so: «Sachsen ist ein moderner Industriestandort, der dringend Fachkräfte und Talente sowohl aus Deutschland wie aus dem Ausland benötigt. Die Vorgänge in Chemnitz sind keine Werbung dafür», sagt er.

 

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Joe Kaeser
Siemens-Chef Joe Kaser: Rassismus schadet dem Werkplatz Deutschland.
Quelle: Keystone .

Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen

Dabei war man in Sachsen schon weiter. In den Bundesland gibt es wegen der Aktivitäten von Pegida etwa in Dresden längst die Initiative «Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen». Die Deutsche Bank und etliche Mittelständler finanzieren jetzt die Anzeigenkampagne «Chemnitz ist weder grau noch braun», in der ausdrücklich betont wird, dass «aus bunt nicht wieder braun werden darf».

Im sächsischen Glashütte hat sich die Führung der Uhrenmanufaktur Nomos bereits im vergangenen Jahr offen gegen Fremdenfeindlichkeit ausgesprochen - obwohl oder gerade weil die AfD in dem Wahlkreis bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr 35,5 Prozent der Zweitstimmen bekam. «Wir versuchen jetzt, über die Belegschaft aufzuklären», sagt Wunderlich. Denn jedes zweite Unternehmen auch im IHK-Bezirk Chemnitz sei im Export aktiv - und genau mit diesem Hinweis versuche man, den Beschäftigen zu erklären, dass nur Weltoffenheit die eigenen Arbeitsplätze sichere.

Dabei ärgert sich Wunderlich allerdings auch über das Zerrbild, das Medien von der Stadt zeichnen. «Am 29. August hatten wir eine Veranstaltung über die Integrationspraxis in der Stadt mit mehr als 170 Jugendlichen, Sozialarbeitern und Unternehmen - darüber wird aber nicht berichtet.» Und dass im Juni die IHK bereits zum fünften Jahr in Folge die Veranstaltung «Business meets Afrika» mit Vertretern von mehr als 20 afrikanischen Botschaften organisiert hatte, werde in der Berichterstattung nicht einmal erwähnt.

Deshalb waren die vergangenen Tage ein Rückschlag im Kampf um das dringend benötigte bessere Image. Es habe schon die ersten Anrufe von Jobsuchenden bei Firmen gegeben, ob man überhaupt noch nach Chemnitz kommen könne. Dabei gehe es wohlgemerkt nicht darum, ob «Deutsche» Angst vor «Ausländern» haben müssten, sagt Wunderlich. «Es geht darum, ob Deutsche in Chemnitz Angst vor Deutschen haben müssen», fügt er mit Blick auf den Rechtsradikalen-Aufmarsch hinzu.

(reuters/tdr)