Vor dem Oberlandesgericht München beginnt der mit Spannung erwartete Prozess gegen die mutmassliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe und vier Beschuldigte aus dem Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Der NSU-Prozess gilt als einer der wichtigsten und brisantesten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die rechtsextreme Terrorzelle soll in Deutschland zwischen 2000 und 2006 acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Einwanderer sowie 2007 eine Polizistin ermordet haben. Auch für zwei Bombenanschläge und etliche Banküberfälle wird der NSU verantwortlich gemacht.

Seit der NSU Ende 2011 aufgeflogen war, hat die Mordserie gewaltige Wellen geschlagen. Die Frage stellte sich, wie es möglich war, dass drei seit 1998 als Bombenbauer per Haftbefehl gesuchte Neonazis 13 Jahre lang mitten in Deutschland leben und Anschläge verüben konnten. Polizei und Geheimdienste hatten über Jahre falsche Spuren verfolgt und den rechtsextremen Hintergrund der Taten nicht erkannt.

Zschäpe einzige Überlebende

Zschäpe ist die einzige Überlebende des NSU-Trios. Ihre beiden Gefährten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wurden nach einem Banküberfall in Eisenach tot in einem Wohnmobil aufgefunden. Laut Bundesanwaltschaft hatte Mundlos zunächst Böhnhardt und dann sich selbst erschossen.

Zschäpe ist wegen Mordes angeklagt. Die Bundesanwaltschaft macht sie als Mittäterin verantwortlich, auch wenn wahrscheinlich nur Böhnhardt und Mundlos geschossen haben. Der frühere Funktionär der rechtsextremen Partei NPD, Ralf Wohlleben, und der Rechtsextremist Carsten S. sind der Beihilfe zum Mord angeklagt, zwei weiteren Angeklagten wird die Unterstützung der Gruppe vorgeworfen.

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Prozess könnte zweieinhalb Jahre dauern

Für den Prozess hat das Oberlandesgericht München zunächst 85 Verhandlungstage bis Januar 2014 angesetzt. Nach Schätzungen könnte der Prozess aber möglicherweise zweieinhalb Jahre dauern.

Wegen einer Kontroverse um die Presseplätze war der ursprünglich für den 17. April vorgesehene Prozessbeginn um fast drei Wochen verschoben worden. Bei der Verteilung der Presseplätze im Gerichtssaal war zunächst kein türkisches Medium zum Zuge gekommen.

Das Bundesverfassungsgericht gab einer Klage der türkischen Tageszeitung «Sabah» statt und entschied, dass eine angemessene Zahl von Sitzplätzen Vertretern ausländischer Medien gegeben werden müsse.

Verlosung der Presseplätze

Das Gericht verloste daraufhin die Presseplätze, wobei eigene Untergruppen für türkische und griechische Medien geschaffen wurden. Bei der Verlosung gingen etliche überregionale deutsche Tageszeitungen leer aus. Einigen gelang es aber zwischenzeitlich, durch Tausch mit anderen Verlagen doch noch Plätze zu bekommen.

Rund 500 Polizisten sollen am Montag einen störungsfreien Prozessauftakt garantieren. Die Polizei habe derzeit keine Erkenntnisse über eine konkrete Gefahr - weder von rechten noch von linken Gruppen, sagte ein Sprecher am Wochenende.

(chb/tno/sda)