Deutschlands letzte Zechen fahren ihre Produktion systematisch nach unten. Tausende Jobs werden noch wegfallen, die Planung für die Zeit danach ist längst angelaufen. Bergbau-Gegnern geht das alles nicht schnell genug. Sie würden am liebsten sofort aussteigen.

In Deutschlands letzten Steinkohlezechen Prosper-Haniel in Bottrop und Ibbenbüren im Münsterland fallen in den nächsten zweieinhalb Jahren Tausende weitere Jobs weg. Derzeit werde die personalintensive Erschliessung neuer Förderstrecken für den Kohleabbau bereits stark gebremst und Ende 2016 ganz eingestellt, sagte der Bottroper Bergwerksdirektor Jürgen Kroker der Deutschen Presse-Agentur.

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Leben von der Substanz

Ende 2017 stoppen die Zechen dann die Ausstattung der Strecken mit neuen Fördermaschinen. «Dann leben wir nur noch von der Substanz», meinte Kroker. Deutschland stellt nach dem Steinkohle-Kompromiss von 2007 die unrentabel gewordene Förderung bis Ende 2018 komplett ein.

Insgesamt arbeiten aktuell noch rund 7000 Bergleute beim Zechenunternehmen RAG, 2007 im Jahr des Ausstiegsbeschlusses waren es noch fast 33'000, in Spitzenzeiten Mitte der 1950er Jahre beschäftigte die Branche über 600'000 Mann. Wenn die letzten Zechen leergeräumt und geschlossen sind, werden bei der RAG den Planungen zufolge nur noch einige hundert Menschen beschäftigt, die sich etwa um die Wasserhaltung - also das Abpumpen von Grubenwasser - kümmern.

Zu teure Kohle

Die deutsche Kohle, die aus grossen Tiefen gewonnen wird, ist deutlich teurer als Importware aus Ländern wie Russland, den USA, Kolumbien oder Australien. Der Weltmarktpreis liegt bei unter 60 Euro pro Tonne, die Förderkosten in Deutschland sind mehr als doppelt so hoch.

Ein langsamer und damit sozialverträglicher Ausstieg aus der Förderung war 2007 mit dem Steinkohle-Kompromiss garantiert worden. Seit 2008 sind gut 12,6 Milliarden Euro an Steinkohle-Subventionen geflossen, um die deutsche Förderung aufrecht zu erhalten. Hinzu kommen erhebliche Leistungen für den Vorruhestand von Bergleuten.

Insgesamt soll der Kohleausstieg nach älteren Zahlen bis zu 30 Milliarden Euro kosten, davon kommen vom Steuerzahler etwa 21 Milliarden Euro. Andererseits konnte mit den erheblichen Summen der Ausstieg ohne soziale Härten und grössere Proteste umgesetzt werden.

Gravierender Einschnitt

Für die betroffenen Mitarbeiter und die Bergbaustädte bedeutet das Kohle-Aus trotzdem einen gravierenden Einschnitt. In Bottrop - einer Stadt mit rund 30'000 sozialversicherungspflichtigen Stellen - hängen laut einem Sprecher etwa 1500 Jobs direkt an der Kohle, viele weitere indirekt: «Das wird ein Schlag ins Kontor, wenn die Zeche geht.»

Die Stadt und der Kohlebetreiber RAG hätten sich aber früh gemeinsam auf die Zeit nach der aktiven Förderung vorbereitet. Erste Pläne zielen auf neue Gewerbegebiete in Zusammenarbeit mit der Nachbarstadt Essen, die dringend Platz für neue Ansiedlungen sucht.

In Ibbenbüren wird die Umstellung durch die sehr günstige Arbeitsmarktlage mit nur 3,5 Prozent Arbeitslosenquote - also de facto Vollbeschäftigung - gemildert. «Der Arbeitsmarkt saugt die frei werdenden Kräfte regelrecht auf», erklärt ein Sprecher in Ibbenbüren. Viele kämen in mittelständischen Metall- und Elektrobetrieben unter.

Gewaltiger Strukturwandel

Der Strukturwandel auf den riesigen Zechengeländen ist fast immer ein mühsames Langzeitprojekt, es gibt aber auch überraschende Erfolge. So ist auf dem Gelände des 2012 geschlossenen Bergwerks West in Kamp-Lintfort am Niederrhein die Landesgartenschau 2020 geplant, und die Hochschule der Stadt siedelt sich hier an.

Kritik an der Steinkohle gab es bis zuletzt. Umweltschützer in der Nähe des Bottroper Bergwerks bemängeln etwa, dass kurz vor dem Ende der Förderung noch relativ mächtige Flöze von rund vier Metern abgebaut werden. «Das bringt uns noch mal riesige Probleme mit Bergsenkungen über Tage», sagt Michael Farien von der Initiative bergbaubetroffener Bürger (IBB). «Und je mehr die noch rausholen, desto mehr Subventionen brauchen wir doch.»

Heftige Diskussionen gibt es auch um das Umweltgift PCB, das in den 1980er Jahren gemäss Brandschutzauflagen unter Tage in Hydraulikflüssigkeiten eingesetzt wurde. Umweltschützer fürchten, dass das Gift ausgespült werden und ins Trinkwasser gelangen könnte.

(sda/chb)