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Paris
«Die beste Art, die Toten zu unterstützen, ist weiterzuleben»

Montreuil: Zerbrochenes Glas beim Auto der dritten Attentätergruppe im Osten Paris'.   Keystone

Entsetzen und Fassungslosigkeit herrschen am Wochenende nach den Anschlägen in Paris. Viele empfinden die Terrorakte als Angriff auf die französische Lebensart.

Veröffentlicht am 15.11.2015

Entsetzen und Fassungslosigkeit herrschen am Wochenende nach den Anschlägen in Paris. Viele empfinden die Terrorakte als Angriff auf die französische Lebensart.

«Sie haben symbolische Orte der Toleranz angegriffen», sagt Nessim leise in der Rue de Charonne, in der die Angreifer am Freitagabend 19 Menschen in dem Café «La Belle Equipe» ermordeten. «Die hippen Viertel von Paris, wo die Vielfalt gelebt wird, das «Bataclan», das für geteilte Kultur steht, das Stade de France: Fussball, die Religion der Säkularen.»

Nun traf es alle

Auch Sylvain sieht die Anschläge als Angriff auf die gesamte Gesellschaft. Anders als beim Anschlag auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» und einen jüdischen Supermarkt im Januar habe es dieses Mal alle getroffen.

«Keine Journalisten, keine Juden, keine Polizisten, sondern dich und mich in unserer Bar, unserem Konzertsaal», sagt Sylvain. Ausser dem Fussballstadion Stade de France wurden Bars, Café und Restaurants angegriffen sowie der Konzertsaal Bataclan, in dem es allein 89 der 129 Toten gab.

Nachbarn legen Blumen nieder

Am Café «La Belle Equipe», wo mittags die Absperrungen entfernt werden, sieht man elf Einschusslöcher in den Fensterscheiben hinter dem Rollgitter. Ein Mann zeigt sie seiner zehnjährigen Tochter, damit sie «Bescheid weiss».

Im Innern brennen zwei Kerzen, am Boden ein dunkle Lache. Wie vor den anderen Anschlagsorten versammeln sich vor dem Café Leute aus der Nachbarschaft und legen Blumen nieder. «Ich komme hier jeden Tag vorbei. Ich musste hier innehalten», sagt die 23-jährige Marlène Chabaud.

«Ich habe gegen 21.30 Uhr Schüsse gehört und bin ans Fenster getreten. Da sah ich zwei Männer», berichtet der Krankenpfleger Jean-Luc, der direkt über dem Café wohnt. «Dunkle Jacke, Jeans und Turnschuhe. Ihr Kopf und ihr Gesicht waren unbedeckt. Einer feuerte auf die Bar, der andere schien das Umfeld zu überwachen.»

Vier Minuten lang hätten die Angreifer geschossen, wortlos, bevor sie im Auto davongefahren seien. «Ich bin Sanitäter, ich habe meine Verbandstasche gegriffen und habe getan, was ich konnte», sagt Jean-Luc erschüttert.

«Ein wahres Gemetzel»

Vor dem «Bataclan» steht ein junger Polizist, der am Freitagabend an dem Einsatz in der Konzerthalle beteiligt war. «Es war übel dort drinnen, ein wahres Gemetzel», sagt der Beamte am Tag danach. «Da waren Menschen mit Kopfschüssen, andere wurden erschossen, als sie schon am Boden lagen.»

Nach dem Einsatz ist der Polizist kurz nach Hause gegangen, um zu duschen und seine Kinder zu beruhigen. Nun ist er gekommen, um seine persönliche, ganz menschliche Bilanz zu ziehen. «Das lässt einen einfach nicht kalt.»

Paris schwankt an diesem Wochenende zwischen stiller Trauer und Trotz. «Wir werden heute bis zum Ende der Nacht feiern», sagt der Musiker Jean Manuel Miquel de Flores. Es kommt für ihn nicht in Frage, sein Konzert kubanischer Musik in einer Bar der Rue Oberkampf abzusagen, einer der wichtigsten Ausgehmeilen von Paris, nur wenige Meter vom «Bataclan» entfernt.

Auch der Betreiber der Bar, Majide Kerzazi, will sich nicht unterkriegen lassen. «Die beste Art, die Toten zu unterstützen, ist weiterzuleben», sagt er.

Gespenstische Ruhe

Doch die Gäste sind rar. «Normalerweise ist es gerammelt voll, wir habe 300 Plätze» , sagte Manseri Bachir vom «Café de Paris». «Doch schaut, es sind zwei Leute da. Die Leute geben der Angst nach. Wir werden um halb neun schliessen.»

Für den Chef der Bar «La Mercerie», Antoni Durand, kommt Schliessen nicht in Frage: «Auch wenn wir alle Angst haben, möchte ich nicht in lähmende Furcht verfallen. Wir müssen den Kopf oben behalten.» Doch zur Zeit des Aperitifs, da die Bar normalerweise vollbesetzt ist, herrscht gespenstische Ruhe.

(sda/chb)

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