Die britischen Konservativen haben mit dem Auswahlprozess der Kandidaten für die Nachfolge von Premierminister und Tory-Chef David Cameron begonnen. Fünf Politiker hatten zunächst ihren Hut in den Ring geworfen. Sie stellen sich in mehreren Wahlen den konservativen Abgeordneten, wobei jeweils derjenige mit den wenigsten Stimmen aus dem Bewerberfeld ausscheidet.

Am Dienstag fand die erste Abstimmung statt, bei der der ehemalige Verteidigungsminister Liam Fox ausschied. Arbeitsminister Stephen Crabb gab anschliessend auf.

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Verzicht von Boris Johnson

Weitere Wahlgänge sollen in den kommenden Tagen folgen. Die dann übrig gebliebenen zwei Kandidaten werden in einer Urabstimmung unter den 150'000 Parteimitgliedern antreten. Der Sieger soll am 9. September bekanntgegeben werden. Es gilt als ausgemacht, dass er oder sie auch neuer Hausherr in Downing Street 10 wird – dem traditionellen Wohnsitz des Premierministers.

Ursprünglich galt der Brexit-Befürworter und frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson als Favorit für die Nachfolge Camerons. Kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist erklärte Johnson allerdings überraschend seinen Verzicht.

Favoritin May unterstützte das «Remain»-Lager

Die Innenministerin Theresa May gewann die erste Wahlrunde am Dienstag deutlich mit 165 Stimmen – das waren mehr als die anderen Bewerber zusammen erzielten. Die 59-jährige Tochter eines Vikars der Anglikanischen Kirche startete ihre Karriere nach einem Oxford-Studium an der Bank of England. 1997 wurde sie ins Parlament gewählt. Fünf Jahre später stieg sie zur ersten Vorsitzenden der Tories auf, nachdem sie sich um die Reform der Partei verdient gemacht hatte.

Anerkennung erwarb sie sich auch mit der Leitung des Innenministeriums seit nun sechs Jahren – seit Hundert Jahren ist sie damit die am längsten an einem Stück amtierende Innenministerin in dem als schwierig geltenden Ressort.

May warb in der Brexit-Kampagne für einen Verbleib in der EU und versuchte sich nach dem Votum der Bürger als Brückenbauerin zwischen Gegnern und Anhängern eines Austritts zu positionieren. Das Ergebnis des Referendums will sie nicht anfechten: «Brexit bedeutet Brexit», sagte sie unmissverständlich. Es dürfe keine Versuche geben, doch noch in der EU zu bleiben. Auch ein zweites Referendum dürfe es nicht geben.

Brexit-Befürworterin mit guten Chancen

Die zweite Frau unter den verbleibenden Kandidaten ist Energie-Staatssekretärin Andrea Leadsom. Die Brexit-Befürworterin arbeitete nach ihrem Studium der politischen Wissenschaften an der Warwick Universität 25 Jahre lang im Bankensektor. Die 53-Jährige war unter anderem für Barclays und als Fondsmanagerin für Invesco Perpetual tätig. 1995 half sie dem Chef der Bank of England, Eddie George, bei der Abwehr der Folgen des Kollapses der Barings Bank. 2010 wurde sie Abgeordnete und arbeitete zunächst in gehobener Stellung im Finanzministerium.

«Ich sehe grosse Chancen durch den Ausgang des Referendums», twitterte Leadsom. Grossbritannien könne viel besser in der Welt dastehen. Sie hat sich für rasche und kurze Brexit-Verhandlungen ausgesprochen. In britischen Medien wird sie als aussichtsreichste Konkurrentin von May im Kandidaten-Wettbewerb bewertet. Leadsom lag am Dienstag an zweiter Stelle mit 66 Stimmen. Die Verfolgerin von May könnte vom Aufgeben von Liam Fox profitieren, mutmasst die britische Zeitung «Independent».

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Führende Figur des Brexit-Lagers liegt hinten

Der in Schottland gross gewordene Justizminister, Michael Gove, arbeitete nach seinem Studium in Oxford als Journalist für die BBC und die Zeitung «Times», wo er es zum stellvertretenden Herausgeber brachte. Zudem war der 48-Jährige Vorsitzender der Politik-Instituts Policy Exchange, bevor er 2005 Parlamentsabgeordneter wurde.

Neben Johnson war er eine der führenden Figuren der Brexit-Kampagne. Vergangene Woche sprach er Johnson öffentlich die Eignung für das Amt des Premierministers ab und trug damit massgeblich zum Rückzug des Brexit-Gewinners bei. Der Kampagnenmanager von Johnson, Ben Wallace, reagierte prompt mit einem Gegenangriff und unterstellte Gove im alkoholisierten Zustand – was häufig der Fall wäre – zur Klatschtante zu werden.

Die Stellung Goves zum Brexit scheint klar. «Die Briten haben (...) für den Wechsel gestimmt», erklärte er in einem Namensbeitrag für den «Spectator». Damit gebe es die klare Anweisung, die EU zu verlassen und die Vorherrschaft des EU-Rechts zu beenden. Gove erhielt am Dienstag 48 Stimmen und landete damit auf dem dritten und nun letzten Rang.

Wie weit er kommt, wird die nächste Runde zeigen. Viel Begeisterung weht aber allen drei Kandidaten nicht entgegen:

— Simon Webb (@HHLedger) 6. Juli 2016

(reuters/jfr)