Ausbeutung, Erosion der Demokratie und Machtverlust des Staates: Dies sind laut der neuen SP-Parteispitze die Auswirkungen der globalen Wirtschaftstätigkeit. Kritik an «der Wirtschaft» ist heute ­linkes Allgemeingut. Kolonialismus, Kinderarbeit, Klimaerwärmung, Missachtung der Menschenrechte und selbst Covid-19: Vermeintliche und ­reale Fehlentwicklungen dienen als Sprungbrett für emotional gesteuerte Attacken gegen die Globalisierung und ihr wichtigstes Vehikel, die multinationalen ­Unternehmen.

Der Autor

Peter Grünenfelder ist Direktor von Avenir Suisse, des Think Tank der Schweizer Wirtschaft. Zuvor war er unter anderem Staatsschreiber des Kantons Aargau und Präsident der Schweizerischen Staatsschreiberkonferenz. Er ist auch Lehrbeauftragter für Public Governance an der Universität St. Gallen.

Zerrbilder der Wirtschaftstätigkeit werden nicht nur an ­geselligen Zusammenkünften der Genossen gepflegt. Die Rolle der Unternehmen ist generell in Politik, Medien und Gesellschaft strittig.

Weniger als die Hälfte der Bundespar­lamentarier glaubt laut einer Smartvote-­Umfrage, dass von einer freien Marktwirtschaft langfristig alle profitieren. Noch kritischer schätzen die Medien den Beitrag der Unternehmen zum Gemeinwohl ein. Mit einer «generellen Moralisierungstendenz» (Fög), aktuell am Beispiel der Konzernverantwortung und des Klimawandels, stossen die Positionen der Wirtschaft auf Widerstand. Selbst in der Gesellschaft sei ein abnehmendes Vertrauen in die Wirtschaft feststellbar, verrät das CS-Sorgenbarometer. Diese Haltung ist nicht widerspruchsfrei, ist doch die subjektive Arbeitsplatzzufriedenheit der Angestellten ausgesprochen hoch.

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«Vorurteile, die zum Nennwert genommen werden, fliessen in unserer direktdemokratischen Schweiz ins Abstimmungsverhalten ein.»

Folge dieser verzerrten Wahrnehmung der Wirtschaft ist die Vergesellschaftung des Unternehmertums: Für die Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Heraus­forderungen sollen die Unternehmen ­Verantwortung übernehmen – die Wirtschaft soll quasi «demokratisiert» ­werden. Was eine «gute» Unternehmensführung ist, will fortan die Politik regulatorisch entscheiden.

Konsequenz: In Regulierungs-Rankings verliert die Schweiz an Boden. Mit der Tendenz zur «Vervorschriftung» wird die Rolle der Firmen aber überdehnt, wie die Konzernverantwortungsinitiative zeigt: Unternehmen sollen Mängel eines fremden Staates ausgleichen, wenn die lokalen Normen nicht dem angeblich besseren Schweizer Wertekompass entsprechen.

Mehrwert ins Bewusstsein

Vorurteile, die zum Nennwert genommen werden, fliessen in unserer direktdemokratischen Schweiz ins indivi­duelle Abstimmungsverhalten ein. Selbst wenn die öffentliche Wahrnehmung differiert, ist die soziale Integra­tionskraft der Unternehmen – nebst ­ihrer immensen Wertschöpfung – nicht zu bestreiten.

Das sollte Anlass genug sein, den unternehmerisch generierten Mehrwert wieder vermehrt ins öffent­liche Bewusstsein zu rücken. Eine stärkere Teilnahme der Unternehmensverantwortlichen am politischen Diskurs ist gefragt. Bei der Stimmbevölkerung geniesst vorab Glaubwürdigkeit für die Sache der Wirtschaft, wer selbst unternehmerische Verantwortung trägt. Die Firmen können damit entscheidend dazu beitragen, Zerrbilder einzuordnen und die marktwirtschaftliche Rahmenordnung zu stärken. Die Meinungsbildung der Stimmbürger sollte nicht allein Politik und ­Medien überlassen werden.

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