Und wieder geistert die Idee einer wie auch immer staatlich geförderten europäischen Impfstoff-Industrie herum. Dieses Mal ist es der Schweizer Bundespräsident und Wirtschaftsminister Guy Parmelin, der die Sache lanciert und offenbar auch schon mit seinen beiden Amtskollegen in Deutschland und Frankreich besprochen hat. «Wir sollten hier vorangehen und mithelfen, in Europa eine breit abgestützte Impf-Industrie aufzubauen», sagte er der «Sonntagszeitung».

Innovation lässt sich nicht steuern

Manchmal frage ich mich, ob wir in der Schweiz noch alle auf dem gleichen Planeten leben. Da haben wir in Basel mit Roche und Novartis zwei der erfolgreichsten Pharmakonzerne der Welt; wissen also wie kaum ein anderes Land, dass diese Industrie vor allem eines braucht, damit sie durchstarten kann: weltweite wissenschaftliche Vernetzung, Internationalität und offene Märkte.

Gleichzeitig träumt unser Bundespräsident in Bern davon, sich mit unseren Nachbarländern zusammen eine eigene, europäische Impfstoffindustrie zusammenzuzimmern.

Über die Autorin

Seraina Ursina Gross ist Redaktorin der «Handelszeitung».

Bitte nicht! Kann man da nur sagen. Auch wenn das die Politik gerne anders hätte: Innovation lässt sich nicht staatlich steuern. Und das ist auch gut so. Oft passiert sie nicht dort, wo man sie am ehesten erwartet hätte. Sondern eben gerade ganz woanders.

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Gerade die Pandemie hat uns das soeben eindrücklich vor Augen geführt.

Biontech, das Mainzer Biotech-Unternehmen, das uns gerade aus der Patsche hilft, forschte an Krebs, bevor es vor einem Jahr den Versuch startete, seine mRNA-Technologie bei einem Impfstoff anzuwenden. Derweil tat sich Curevac, das einzige, vielversprechende europäische Startup, das sich schon vor der Pandemie mit mRNA-Impfstoffen beschäftigte, schwer damit, in die Gänge zu kommen.

Ganz zu schweigen von Sanofi, dem einzigen klassischen Impfstoffunternehmen, das Kontinentaleuropa nach dem Wegfall der britischen GSK noch bleibt. Der französische Pharmakonzern konnte der EU-Kommission zwar im grossen Stil Impfstoff verkaufen; der Impfstoff aber, den es mit GSK entwickelt, wird voraussichtlich erst Ende des Jahres verfügbar sein. Und einen französischen mRNA-Impfstoff wird es, wenn überhaupt, erst nächstes Jahr geben.

Wie, bitte, wollen die Herren Parmelin, Altmaier und Le Maire bei dieser dieser Ausgangslage im Voraus entscheiden, welche Unternehmen ihre wie auch immer geartete «europäische Impfstoffindustrie» denn überhaupt umfassen soll? Auf welche Technologien sie setzen wollen?

In kaum einem anderen Bereich sind die Erkenntnisse zur Zeit so schnell Schnee von gestern wie in der Medizin und in der pharmazeutischen Forschung. Das Tempo der Entwicklungen ist derart rasant, dass selbst die hochprofessionellen Scouter der Pharmaindustrie regelmässig daneben langen. Die Politik aber traut sich zu, zu wissen, auf welches Pferd sie setzen soll? Das ist absurd. Das Risiko von Fehlinvestitionen ist viel zu gross. Mehr noch: Das Projekt birgt auch noch die Gefahr, dass es zu Wettbewerbsverzerrungen kommt – zum Schaden all derer, die nicht das Glück haben, zur erlauchten Kreis der “europäischen Impfstoffindustrie" zu gehören.

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Europa muss Innovation honorieren

Europa braucht keine Industriepolitik, um bei der nächsten Pandemie besser gewappnet zu sein. Europa braucht eine prosperierende Biotech-Industrie mit erfolgreichen arrivierten Konzernen, vielversprechenden Startups und hochkarätigen wissenschaftlichen Einrichtungen, die im Notfall in der Lage sind, ihre Kräfte zu bündeln und ihren Beitrag an die gemeinsame Suche nach einem Impfstoff zu leisten.

Dafür braucht es ein Umfeld, das Innovation honoriert; eine Politik also, die bei neuen Therapien nicht nur auf den Preis schielt, sondern auch die Verbesserungen im Auge behält, die sie neuen Patienten bringen. Doch genau hier hapert es.

Europa kann sich nicht mehr für Innovation begeistern. Das ist das Problem. Der Kontinent, der Geistesriesen wie Robert Koch, Paul Ehrlich, Emil von Behring oder Louis Pasteur hervorgebracht hat – Chemiker, Mediziner und Biologen, denen wir Medikamente gegen verheerende Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Milzbrand oder Syphilis verdanken – hat es verlernt, sich für den medizinischen Fortschritt zu begeistern und dafür auch das nötige Geld in die Hand zu nehmen. Stattdessen beschäftigt er Heerscharen von Bürokraten, die unter dem schönfärberischen Titel "Access" - also der Verbesserung des Zugangs zu Therapien, an den Medikamentenpreisen schräubeln und sich gleichzeitig darauf verlassen, dass der lukrative amerikanische Pharmamarkt schon dafür sorgen wird, dass weiter geforscht wird. 

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Die weltweit erfolgreichsten europäischen Pharmakonzerne, nämlich Roche, Novartis und die britische GSK, liegen mittlerweile alle ausserhalb der EU, ebenso wie Basel, der mit Abstand grösste Biotech-Hub ausserhalb der USA: Das ist das Thema, das Europa beschäftigen sollte. Stattdessen will uns die Politik einmal mehr weis machen, der Staat könne es schon richten. Sie wird damit, die Prognose sei hier gewagt, kolossal scheitern.

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