1. Home
  2. Politik
  3. «Die Kontingente werden womöglich nie gebraucht»

Zuwanderung
«Die Kontingente werden womöglich nie gebraucht»

Migration: Vieles spricht dafür, dass weniger Einwanderer in die Schweiz kommen.   Keystone

Viel spricht dafür, dass die Sogwirkung der Schweiz für Migranten sinkt. Denn die Konjunktur hat bald ihr Maximum erreicht. Zudem kommt Europa auf die Beine. Die ganze Aufregung wäre damit umsonst.

Von Mathias Ohanian
am 13.02.2014

Selbst Tage nach Annahme der Zuwanderungsinitiative ringt die Schweizer Wirtschaft um Fassung. Schwere Verhandlungen mit der Europäischen Union stehen an. Vollkommen unklar ist der internationale Imageschaden, unter dem die Schweiz in den kommenden Jahren leiden könnte. Eine herausfordernde Situation also für die Eidgenossenschaft.

Dabei zeichnet sich ab, dass die Schweiz die umstrittenen Kontingente für Zuwanderer unter Umständen nie ganz ausschöpfen wird. Denn der fast beispiellose Zustrom an Zuwanderern, den das Land zuletzt erlebte, könnte bald automatisch etwas abebben – ganz ohne, dass dafür Kontingente nötig wären.

«Die Kontingente werden womöglich nie gebraucht»

Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits sehen viele Südeuropäer nach historischen Rezessionen in ihren Heimatländern zunehmend wieder Beschäftigungsperspektiven. Andererseits ist der konjunkturelle Boom in der Schweiz selbst im Begriff, seinen Zenit zu überschreiten. «Es ist gut möglich, dass die Sogwirkung der Schweiz für Migranten in ein bis zwei Jahren nachlässt», sagt Daniel Kalt, Chefökonom für die Schweiz bei der UBS. Dann, so Kalt, würden weniger zuwandernde Arbeitskräfte gebraucht – und die Schweiz verlöre an Attraktivität für Zuwanderer. «Die Kontingente werden womöglich nie gebraucht», sagt er.

Mit anderen Worten: Die ganze Aufregung um die Zuwanderung könnte bald automatisch verfliegen. Kontingente, die Fachleute frühestens für 2016 erwarten, würden unnötig.

Für diese These sprechen diverse Fakten. Unbestritten ist, dass die Schweiz gerade aussergewöhnliche Jahre des Aufschwungs erlebt. Von einem «Superzyklus» sprachen im vergangenen Herbst die Fachleute der Credit Suisse. Ein wichtiger Grund: Die für die Schweizer Wirtschaft zu niedrigen Zinsen befeuern den Aufschwung am Häusermarkt. Die Gefahr einer Überhitzung ist gross: Die Nationalbank steuert bereits mit sogenannten makroprudentiellen Massnahmen gegen den Boom.

«Viele hochqualifizierte Südeuropäer kommen in die Schweiz»

Und was wie eine Blase aussieht, ist am Ende eine – im Zweifel gilt dieser bekannte Spruch auch für die Schweiz. Davor warnten zuletzt neben der OECD auch die Fachleute der Investmentbank Goldman Sachs. Wie in vielen Industrieländern und selbst in der Schweiz in der Vergangenheit bereits erlebt, könnte die Katerstimmung gross sein, sollte eine Vermögensblase platzen.

Aktuell zieht die Schweiz als Boomland vor allem Menschen aus Südeuropa an. Im vergangenen Jahr wanderten per Saldo über 20'000 Iberer hierher aus (siehe Grafik), wie Zahlen zur Wanderungsbilanz des Bundesamts für Migration zeigen. Mehr als jeder dritte der knapp 60'000 Zuwanderer aus der EU stammte damit aus Spanien oder Portugal. «Heute kommen aus Südeuropa sehr viele hochqualifizierte Menschen in die Schweiz», sagt Martin Eichler, Chefökonom der Denkfabrik Bak Basel. Die teils historischen Rezessionen seien der Hauptgrund für die grossen Migrationsströme.

Das war keineswegs immer so: Zur Hochzeit des wirtschaftlichen Booms auf der iberischen Halbinsel kehrten bis 2007 unterm Strich sogar mehr Spanier der Schweiz den Rücken zu. Insgesamt absorbierte das Land in diesen Jahren mehr Zuwanderer als die gesamte restliche Euro-Zone. Entsprechend fiel auch die Wanderungsbilanz der Schweiz mit Spanien über viele Jahre negativ aus. Ähnliches gilt für Italien.

 

Schon leichte Besserung in den Krisenländern führt zu weniger Migranten

Ein weiteres beeindruckendes Beispiel dafür, dass internationale Wanderung in Wellenbewegungen stattfindet, ist Deutschland. Mitte der 2000er Jahre galt das Land als kranker Mann Europas, die Arbeitslosenquote lag im zweistelligen Bereich. Ein Resultat: In der Spitze emigrierten 2007 netto rund 30'000 Deutsche in die Schweiz. Heute ist die grösste Volkswirtschaft Europas obenauf, die Beschäftigung auf einen historischen Hochstand geklettert. Kein Wunder also, dass viele Deutsche wieder in ihrem Heimatland nach Beschäftigung suchen – und finden: Im vergangenen Jahr wanderten nur noch rund 9000 Menschen aus Deutschland in die Schweiz aus – gerade mal ein Drittel des Werts von 2007. 

Mittlerweile, so sind Fachleute unisono überzeugt, stabilisiert sich die konjunkturelle Lage in vielen Euro-Krisenländern. Zwar dürften die Arbeitslosenquoten dort auf absehbare Zeit hoch bleiben, sagt Eichler von Bak Basel. «Aber schon eine leichte Besserung der wirtschaftlichen Aussichten könnte dazu führen, dass der Zustrom an Migranten in die Schweiz abebbt.» Hier sei weniger die aktuelle Verfassung von Wirtschaft und Jobmärkten entscheidend, so Eichler – sondern «viel mehr die Perspektive, der sich die Personen längerfristig gegenüberstünden.»

Erwerbslosigkeit in Österreich niedriger als in der Schweiz

Auch Stefan Neuwirth, Europaexperte bei der Zürcher Konjunkturforschungsstelle Kof, erwartet, dass der Druck in Europa sinkt, überhaupt auszuwandern. «Die Zuwanderung aus Südeuropa in die Schweiz dürfte in den kommenden Jahren abflachen, da in den meisten Ländern wieder mit Wachstum gerechnet werden kann», sagt er. Darauf deuten nicht zuletzt heute veröffentlichte Wirtschaftszahlen aus ganz Europa.

Darüber hinaus beeinflussen die beiden deutschsprachigen Nachbarn die Migration in die Schweiz – und dies nicht nach Wunsch der Schweizer Unternehmen. Deutschland und Österreich treten zunehmend als Konkurrenten im Kampf um begehrtes Fachpersonal auf. «Die historisch niedrige Arbeitslosigkeit und der Fachkräftemangel sorgen dafür, dass die Zuwanderung nach Deutschland zulegt», sagt Kof-Experte Neuwirth. Tatsächlich herrscht in den strukturstarken südlichen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg inzwischen Vollbeschäftigung, die Arbeitslosenquote notiert unter jener vieler Schweizer Regionen.

Ähnliches gilt für Österreich: Im vergangenen Jahr waren nach Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zwischenzeitlich sogar erstmals weniger Menschen erwerbslos als in der prosperierenden Schweiz. Heute liegen die Zahlen beider Länder auf vergleichbaren Niveaus. Für viele Fachleute ist die ILO-Erwerbslosenquote das beste Mass, um Arbeitslosigkeit zu messen und international zu vergleichen.

«Hochqualifizierte werden sich nicht auf Vabanquespiel einlassen»

Neben den rein ökonomischen Argumenten sprechen mit Annahme der Zuwanderungsinitiative auch Argumente dafür, dass die Schweiz im Ausland an Beliebtheit einbüsst. «Für potenzielle Zuwanderer wird ein Umzug in die Schweiz erheblich an Attraktivität verlieren, wenn sie beispielsweise ihre Familien nicht sofort nachholen dürfen», sagt Bak-Experte Eichler. Er glaubt zwar, dass Unternehmen weiter ausreichend Arbeitskräfte finden werden – wo nötig. Allerdings dürften nicht mehr die Besten kommen: «Hochqualifizierte werden sich nicht auf ein Vabanquespiel einlassen», sagt er.

Diese Einschätzung deckt sich übrigens mit Angaben des Schweizer Bundesamts für Migration: Dort wird die Position vertreten, dass die Zuwanderung in erster Linie durch die wirtschaftliche Situaton der Schweiz und ihrer Attraktivität beeinflusst wird. Gut möglich also, dass auch dort mit weniger Zuzug in die Schweiz gerechnet wird. Bestätigen wollte diese Position eine Sprecherin auf Nachfrage jedoch nicht.

Anzeige