Das Referendum in Griechenland wird auch als Farce bezeichnet. Es erfüllt internationale Standards nicht. Den Bürgern verbleibt kaum eine Woche Zeit, um sich vorzubereiten. Viele Griechen können kurzfristig nicht an ihren Heimatort reisen – sie müssten dazu einen Flug buchen oder ein Schiff auf eine der vielen Inseln nehmen. Ausserdem sind die Dokumente zum Angebot und den Auflagen der Gläubiger für Laien kaum nachzuvollziehen.

Folgen eines Ja und Nein

Unklar sind auch die Konsequenzen. Die griechische Regierung sagt: Bei einem Ja werde sie sofort nach Brüssel reisen, um das Angebot anzunehmen. Finanzminister Yanis Varoufakis will in diesem Fall zurücktreten, aber seinem Nachfolger helfen, den Deal unter Dach und Fach zu bringen. Derweil gibt der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble zu Protokoll: Das Angebot zur Verlängerung des Hilfsprogramms vom 25. Juni ist gar nicht mehr gültig, weil das Hilfsprogramm selbst am 30. Juni ausgelaufen ist.

Auch bei einem Nein will Varoufakis sofort in Kontakt mit Brüssel treten. Er sagt: In diesem Fall würden Griechenland, Europa und der IWF einen neuen, besseren Deal aushandeln. Das Volks-Nein werde die Position der Griechen dabei stärken. EU-Präsident Jean-Claude Juncker meint dagegen, ein Nein werde die Verhandlungsposition der Griechen schwächen. Er widerspricht damit indirekt jenen (deutschen) Politikern, die sagen: Bei einem Nein gibt es gar nichts mehr zu verhandeln. Dann ist der Grexit Tatsache.

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Bedeutungslos, aber nicht belanglos

Je unklarer die konkreten Folgen, desto höher der Symbolgehalt. Wie Reportagen aus Griechenland zeigen, geht es für die Griechen in diesen Tagen ums Grundsätzliche.  «Ich bin Europäer, meine Währung ist der Euro», sagt der Zitrusbauer Andreas Mallios zum «Wall Street Journal», «aber ich sage: Stopp. Ich bin auch Grieche und ich bin ein Mensch, und ich stimme gegen diese Erpressung.» Kurz, vielen Griechen geht es darum, ein Zeichen zu setzen – an die Adresse der Euro-Minister. Mit einem Nein, oder auch mit einem Ja.

Ist das Referendum deswegen wirklich eine Farce? Gerade aus Schweizer Sicht gilt es, vorsichtig zu urteilen. Man erinnere sich etwa an die jüngste Eidgenössische Volksabstimmung zum RTVG-Gesetz. Gemäss Text ging es hier um den Finanzierungsmodus von SRG und privaten Sendern. Dennoch wurde die Abstimmung zum Grundsatzentscheid über den Service Public hochstilisiert. Viele Stimmbürger legten ein Nein ein – aus Unzufriedenheit mit der Billag oder mit dem Fernsehprogramm. Es ging darum, ein Zeichen zu setzen.

Aussenpolitik und direkte Demokratie

Solches Verhalten ist legitim, es gehört zum Wesen der direkten Demokratie. Gerne funkt es auch in die Aussenpolitik. Ein Beispiel dafür ist der 9. Februar 2014. An diesem Tag wurde die Masseneinwanderungsinitiative mit 50,3 Prozent Ja-Stimmen angenommen - weil viele Stimmbürger ihren Unmut zum Ausdruck bringen wollten. Gegen Überfremdung, gegen Dichtestress, gegen unsoziale Arbeitgeber, gegen was auch immer. Welche Konsequenzen der Entscheid für die Schweizer Wirtschaft und die Bilateralen Verträge mit der EU haben wird, wissen wir heute noch immer nicht.

Politik ist immer ein Powerplay, speziell international. Nationale Abstimmungen können darin ein nützliches Druckmittel sein. Aber wir sollten sie nicht überbewerten. Die Schweiz wird ihr Verhältnis zu Europa vermutlich in einer weiteren Volksabstimmung klären. Griechenland wird diese Chance sehr wahrscheinlich nicht erhalten: weil auch nach diesem Wochenende in Brüssel verhandelt wird, egal wie das Referendum ausgeht. Oder weil die EZB in Eigenregie die griechischen Banken dichtmacht. Die Griechen haben jetzt höchstens die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen.