Wenn es in einem Hollywood-Film um Geldwäscherei und Steuerbetrug geht, kommt jeweils automatisch eine Schweizer Bank vor. Stört Sie das?
Jörg Gasser*: Ja, das tut es. Und darum gehört die Promotion neu zu unseren strategischen Zielen. Wir wollen damit nicht den Schweizer Finanzplatz in den schillerndsten Farben darstellen. Wir wollen aber im Ausland erklären, was wir erreicht haben. Das zeigen auch die guten Noten in den jüngsten Länderexamen. Unsere Anstrengungen, etwa in der Bekämpfung der Geldwäscherei oder der Bereinigung unversteuerter Gelder, werden international honoriert. Irgendwann wird das auch nach Hollywood durchsickern.
 
Sollte die Vermarktung des Finanzplatzes nicht allein Aufgabe der Finanzbranche sein?
Wir betreiben ja keine Industriepolitik. Und wir verwenden keine finanziellen Mittel, um einzelnen Banken Marktvorteile im Ausland zu verschaffen. Vielmehr wollen wir unseren ausländischen Gesprächspartnern erklären, was wir unternehmen, um einen integren, führenden Finanzplatz sicherzustellen.

Wie weit wollen Sie dabei gehen?
Wir stellen uns beispielsweise vor, dass Bundesrat Ueli Maurer auf seine Auslandreisen vermehrt eine Delegation der Branche mitnehmen wird. Schliesslich wollen wir den Marktzugang für die Finanzbranche im Ausland verbessern. Gerade aufstrebende Staaten haben ein Interesse, mit unserem Finanzplatz Kontakt aufzunehmen. Umgekehrt hat auch unsere Branche Interesse, in diesen Märkten aktiv zu sein.

Mit der Verwicklung von Schweizer Banken in die jüngsten Finanzskandale in Malaysia und Brasilien dürften Ihre PR-Aktivitäten vorderhand wirkungslos verpuffen.
Die Schweiz ist in der Vermögensverwaltung weltweit die Nummer 1. Aus allen möglichen Ländern werden hier Gelder angelegt. Diese Konzentration führt dazu, dass die Risiken viel grösser sind als in anderen Finanzplätzen – und damit auch die Möglichkeit von Missbrauch. Entscheidend ist, dass diese Fälle auffliegen – und dass diese Vergehen geahndet werden.

Gehen die Banken zu hohe Risiken ein im Bereich der Geldwäscherei?
Wir sagen den Banken immer wieder, dass die neuen, aufstrebenden Märkte nicht nur Chancen bieten, sondern auch Risiken. Sie müssen diese Märkte deshalb sehr gut kennen. Und hier befindet sich die Branche noch in der Lernkurve. Aber noch einmal: Es spricht für unser Überwachungssystem, dass die Vergehen heute auch auffliegen und geahndet werden.

Die Schweiz schneidet im soeben erschienen Gafi-Länderexamen gut ab. Offenbar hat das Land Fortschritte bei der Geldwäschereibekämpfung gemacht. Haben Sie damit gerechnet?
Es freut uns sehr, dass im Länderexamen keine gravierenden Mängel festgestellt werden. Die Schweiz steht damit auch im direkten Vergleich mit anderen Ländern gut da. Insbesondere gegenüber den USA schneidet sie überwiegend besser ab.

Wo gibt es trotzdem Handlungsbedarf?
Der Bericht kritisiert vor allem die fehlende Unterstellung – und daher auch Überwachung – der Beratungstätigkeit der Anwälte, Notare und Treuhänder unter das Geldwäschereigesetz. Ihre Rolle wurde schon im Rahmen der Panama-Papers wiederholt diskutiert. Dabei geht es auch um die Frage, wie die aktive Vermögensverwaltung von der passiven Beratung, die unter dem Anwaltsgeheimnis steht, abgegrenzt werden soll. Ebenfalls wurden mangelnde strafrechtliche Sanktionen im Falle einer Verletzung der Meldepflicht im Zusammenhang mit Inhaberaktien oder wirtschaftlich Berechtigten kritisiert.

Braucht es nun gesetzliche Anpassungen?
Wir werden dies analysieren und dann entsprechende Vorschläge für eine Gesetzesanpassung einbringen. Genauso, wie wir auch genau anschauen müssen, ob die Schwelle von 100'000 Franken für Bargeldzahlungen bei Edelsteinhändlern und im Immobilienhandel nicht zu hoch angesetzt ist. Im Länderexamen wird dies kritisiert.

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Schweizer haben eine Vorliebe für Bares. Da kommt eine Limitierung des Bargeldeinsatzes schlecht an.
Das stimmt. In anderen Gesellschaften hat die Kreditkarte eine viel wichtigere Rolle als in der Schweiz. Auch sagen Studien, dass Bargeld in der Finanzierung von Terrorismus keine entscheidende Rolle spielt. Wir werden das in unsere Überlegungen einbeziehen. Am Schluss wird der Bundesrat über diese Frage entscheiden müssen.

Erhöht sich nun auch der Druck, dass die Schweiz die Tausendernote abschafft?
GAFI macht diesbezüglich keine Empfehlungen, sondern verlangt lediglich, dass die Schweiz eine Risikoanalyse macht. Es ist Sache der Nationalbank die Stückelung der Banknoten zu bestimmen. Gegenwärtig hält sie an der Tausendernote fest.

Themenwechsel: Sie haben kürzlich grosszügige Erleichterungen für Fintech-Firmen angekündigt. Startups dürfen sich künftig in sogenannten Sandkästen austoben, ohne sich an Regulierungen halten zu müssen. Banken monieren, Ihre Massnahmen seien nicht durchdacht.
Die Banken üben Kritik, weil sie befürchten, dass sie selber nicht von den Erleichterungen profitieren werden, wenn Sie selber Fintech-Lösungen entwickeln. Die Sorge ist aber unbegründet. Auch sie werden diese Vorteile erhalten. Richtig aber ist auch: Wir wollen, dass die Fintech-Branche ein solides Standbein des Finanzplatzes wird.

Hätte der Bund nicht zuerst eine Fintech-Strategie entwickeln müssen, bevor er neue Bewilligungskategorien einführt?
Wir wollten schnell und dynamisch auf ein sich rasch wandelndes Umfeld reagieren. Ich bin kein Freund von ausufernden Strategiekonzepten – am Schluss gebärt der Moloch Verwaltung häufig eine Maus. Ich bin denn auch überzeugt, dass die Regulation gleich ausgefallen wäre, wenn wir in Konsultation mit allen beteiligten Interessengruppen eine Strategie entwickelt hätten – nur wäre sie dann einfach zwei Jahre später erfolgt.

Einige Bankenvertreter befürchten, dass die Fintech-Regulierung zu einem Flickenteppich von sich widersprechenden Einzelmassnahmen verkommt.
Schauen Sie sich einmal die Situation in anderen Ländern an: Dort gibt es überhaupt keine Erleichterungen für Fintech-Firmen. Entsprechend schwer haben es die Startups. Ausserdem: Die neuen Regeln werden grösstenteils auf Verordnungsebene verankert. Wir können diese bei Bedarf rasch und unkompliziert anpassen.

Sie haben zuletzt mit diversen Schwellenländern Vereinbarungen für die Einführung des automatischen Informationsaustausches (AIA) unterzeichnet. Kritiker bezweilfeln, dass in diesen Ländern die Datensicherheit gewährleistet ist.
Ich kann die Vorbehalte nachvollziehen. Nur: Die Schweiz hat sich zum automatischen Austausch der Finanzinformationen bekannt. Unsere Aufgabe ist es, den internationalen Standard mit denjenigen Ländern, die die Bedingungen dafür erfüllen, umzusetzen. Dies geschieht, indem wir jetzt Absichtserklärungen mit den einzelnen Ländern unterzeichnen. Ob der AIA-Standard mit den einzelnen Ländern dann auch tatsächlich eingeführt werden soll, muss am Schluss die Politik entscheiden.

Wie lässt sich verhindern, dass die Daten aus der Schweiz in einem Land wie Mexiko in falsche Hände geraten?
Mexiko wurde von der OECD und von den USA überprüft. Und wir selber haben ein eigenes Prüfteam nach Mexiko geschickt, welche sich vor Ort ein Bild macht. Dabei ging es etwa darum, wie die Daten gespeichert  werden und wer von der Steuerverwaltung Zugang zu den Steuerdaten hat. Wir kamen zum Schluss, dass die Konformität gegeben ist.

In korrupten Staaten besteht trotzdem das Risiko, dass die Daten am Schluss für Erpressungen und Entführungen missbraucht werden.
Das mag sein. Der Korruptionsindex ist aber kein Kriterium, der bei der Einführung des AIA von Belang ist. Das heisst aber nicht, dass die Schweiz auf Biegen und Brechen den AIA mit allen Ländern einführen muss. Am Schluss liegt der Ball wie gesagt beim Parlament.

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Weshalb drücken Sie bei der Einführung des AIA eigentlich so aufs Tempo:  Steht denn die Schweiz unter Zeitdruck?
Ja. Die meisten EU-Staaten sind zwei Jahre früher dran als wir. Wir fangen erst 2018 an, mit den ersten Ländern Finanzinformationen auszutauschen. Mit einer zweiten Gruppe von Ländern beginnt der Datenaustausch erst 2019. Die Schweiz ist dabei schon jetzt nicht mehr standardkonform, sprich im Rückstand. Von Übereifer kann also keine Rede sein. Liechtenstein zum Beispiel hat ein grösseres AIA-Netzwerk als die Schweiz.

Stichwort Liechtenstein: Weshalb steht da noch kein Abkommen? Die Schweiz dürfte wegen der mutmasslich vielen unversteuerten Gelder  im Ländle ein aktives Interesse an einem Abschluss besitzen.
Der Bundesrat will den AIA mit Liechtenstein einführen. Aber es braucht immer zwei für ein Abkommen.

Im Ländle sperrt man sich also gegen die Einführung des AIA?
Die Gespräche sind in Gang. Liechtenstein hat mit Österreich einen erweiterten AIA eingeführt, und möchte ein ähnliches Modell auch mit der Schweiz.

Ist ein solches Abgeltungssteuermodell denn für Sie denkbar?
Wir müssen das Modell genau anschauen – und ob dieses für uns ein gangbarer Weg ist. Es ist aber kein Geheimnis, dass bei uns diesbezüglich Skepsis vorherrscht.

*Jörg Gasser vertritt seit Juli 2016 als Staatsekretär die Interessen der Schweiz auf den internationalen Finanzplätzen. Der 47-Jährige war unter der früheren Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf bereits Generalsekretär im Finanzdepartement. Der Obwaldner stand zuvor viele Jahre im Dienste des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).