Kantig war sein Schädel, links gescheitelt das Haar. Der gelernte Schlosser Konrad Ilg sorgte als junger Gewerkschafter für Zoff auf dem Bau und für Streiks in den Betrieben. Später, als Präsident der Gewerkschaft SMUV, schloss er mit Ernst Dübi, Konzernchef bei Von Roll und Präsident der Maschinen- und Metall-Industriellen, das Friedensabkommen, das in der Schweiz die Sozialpartnerschaft begründete. Es war ein Pakt zwischen Arbeit und Kapital, der lange als entscheidender Wettbewerbsvorteil der Schweiz galt.

Leiten liess sich SMUV-Chef Ilg beim Handschlag mit dem Klassengegner «von der gegenseitige Verpflichtung, in loyaler Weise alle Konflikte auf dem Wege der friedlichen Verhandlungen zu überwinden». Laut dem domestizierten Haudegen aus Ermatingen TG sollte in der Branche geregelt werden, was die Branche tangierte. So sah es auch sein Kontrahent am andern Ende des Verhandlungstisches, der Grossindustrielle Dübi.

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Die Sozialpartnerschaft hat die 
besten Tage offenbar hinter sich

Ziel des Friedensabkommens, meinte er, sei die Weiterentwicklung einer «anpassungsfähigen Privatwirtschaft, die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls und die Ablehnung des bis zur Feindschaft getriebenen Klassenkampfes – der stets einer Schwächung gleichkommt». Die Verlässlichkeit hochhalten, die Arbeitslosenquote tief - und gemeinsam am Wachstum partizipieren, das waren die Maximen des Friedensabkommens. Das Geschäftsmodell funktionierte, und wie. Die Reallöhne der Arbeitnehmer stiegen bei gleichzeitiger Senkung der Arbeitszeit, die Vermögensverteilung blieb stabil, das soziale Klima auch.

Heute, 77 Jahre später, hat die Sozialpartnerschaft offenbar ihre besten Tage hinter sich, Konfrontation und Provokation auf der Politbühne prägen das Klima. Nach der SVP haben auch die Syndikalisten den permanenten Wahlkampf entdeckt. Man trifft sich nicht mehr am Verhandlungstisch, sondern befehdet sich in Abstimmungskämpfen.

Tonangebend sind nicht mehr Pragmatiker vom Schlag eines Ilg, sondern neue Scharfmacher, die Feindbilder bewirtschaften und Maximalforderungen stellen. Den Anfang machten die Jungsozialisten um Cédric Wermuth, die in den Unternehmen eine Lohnspanne von 1 zu 12 einforderten. Jetzt folgt ein staatlich fixierter Mindestlohn von 22 Franken je Stunde, schliesslich die nationale Erbschaftssteuer. Wie vergiftet das Klima mittlerweile ist, lässt sich unschwer aus Plakatwänden oder Podiumsdiskussionen ableiten.

Kein nationales Diktat, sondern 
regional abgestimmte Löhne

Der Mindestlohn manifestiert den Irrweg. Abgesehen davon, dass 22 Franken je Stunde dem sechsfachen Mindestlohn in Portugal und dem doppelten in Deutschland entsprechen, was die Zuwanderung durch Unqualifizierte anheizt und die Produktivität pro Kopf senkt. Er unterminiert zudem die Branchenverträge, weil er ein Kernelement, das sozialpartnerschaftliche Aushandeln eines Salärregulativs, an den Staat delegiert, der obendrauf die Einhaltung des verfassungsmässig fixierten Mindestlohns kontrollieren soll. In Gesamtarbeitsverträgen darf anschliessend noch über Sicherheit am Arbeitsplatz, Frauenförderung, Ferientage und Weiterbildung verhandelt werden.

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So aber wird das Konzept der Sozialpartnerschaft der Branchen und Betriebe ausgehöhlt. Dass es die neuen Klassenkämpfer mit ihrer Forderung nach einer Lohngrenze nicht ehrlich meinen, zeigen wiederum die Pragmatiker aus der Maschinen- und Metall-Industrie. Mit den Industriellen haben sie voriges Jahr einen Gesamtarbeitsvertrag ausgehandelt, der genau das Gegenteil der Mindestlohninitiative fordert: Kein nationales Lohndiktat, sondern regional abgestimmte Löhne, weil ein nationaler Einheitslohn absurd und ungerecht ist. Jeder Lohnbezüger weiss schliesslich, dass die Lebenshaltungskosten in Weissbad oder Le Locle tiefer sind als jene in Basel oder Zürich.

Genau das wäre jetzt gefragt: Weniger Radau, mehr Vernunft.