1. Home
  2. Politik
  3. Die USA verlieren ihren Kompass

Shutdown
Die USA verlieren ihren Kompass

Geschlossen: Der Webauftritt vieler US-Behörden wird nicht mehr aktualisiert. (Bilder: Keystone/Screenshot)

Wegen des Ausgabenstopps werden viele für die USA wichtigen Daten nicht mehr erhoben. Die Jobzahlen bleiben heute unveröffentlicht - ein Problem für die Notenbank. Sogar Geheimdienste sind betroffen.

Von Mathias Ohanian
am 04.10.2013

Eigentlich sollten Sie an dieser Stelle gerade eine Nachricht über die Erholung des US-Arbeitsmarktes lesen – wie an jedem ersten Freitagnachmittag im Monat. Da veröffentlicht das Büro für Arbeitsmarktstatistik in Washington die Jobzahlen – so etwas wie der Pulsmesser der grössten Volkswirtschaft der Welt. Wie es im September ausgesehen hat, bleibt vorerst ein Geheimnis. Seit fünf Tagen dauert der Ausgabenstopp der Regierung nun an, zahlreiche Mitarbeiter sind in die unbezahlten Ferien geschickt worden: Deshalb fällt die monatliche Veröffentlichung des Arbeitsmarktberichts am heutigen Freitag aus.

Auf der Webseite der Statistikbehörde heisst es lediglich: «This website is currently not being updated due to the suspension of Federal government services. The last update to the site was Monday, September 30.» Und: Solange der Shutdown andauert, werden keine Daten gesammelt.

Währungshüter im Blindflug

Was wie eine skurille Begleiterscheinung des Ausgabenstopps anmutet, kann weitreichende Konsequenzen mit sich bringen. Denn ohne die Jobdaten der Statistiker bleibt unklar, wie schnell die Erholung der US-Wirtschaft voranschreitet. Oder ob es womöglich bereits wieder schlechter läuft. Vor allem die US-Notenbank Fed stellt das vor Herausforderungen: Sie hat ihre Politik explizit an die Erholung des Arbeitsmarktes geknüpft. Erst wenn die Quote der Erwerbslosen auf 6.5 Prozent gefallen ist, will sie ihre Geldpolitik allmählich wieder straffen.

Im August lag die Rate noch bei 7.3 Prozent. Immerhin hatten Analysten im Vorfeld mit einem Anstieg der neuen Jobs um 180'000 gerechnet – mehr als in den vergangenen fünf Monaten. Allerdings sinkt die Zahl der Arbeitslosen seit vielen Monaten auch deshalb, weil sich viele von ihnen gefrustet vom Jobmarkt abwenden und deshalb aus der Statistik fallen.

Das aktuelle Problem der Datenverluste ist sogar umfassender, weil nicht nur die Jobzahlen vorerst weder gesammelt noch veröffentlicht werden. Andere wichtige Büros haben ebenfalls geschlossen. Aussenhandelszahlen dürften ebenso wenig gemeldet werden wie Daten aus der Landwirtschaft. Die sind bekanntermassen nicht nur für die Bauern von Bedeutung, sondern auch die Händler an den internationalen Rohstoffbörsen. Zudem ist ungewiss, ob die Zahlen für den Detailhandel oder die Inflationsdaten demnächst gemeldet werden.

Geheimdienste sind ebenfalls betroffen

Entsprechend habe sich viele Ökonomen bei Researchfirmen und Banken inzwischen frei genommen. Statt Zahlen werden bei David Rosenberg, Chefökonom bei Gluskin Sheff & Associates heute Bauchmuskeln gecruncht. «Ich werde meinen Personaltrainer aufsuchen», sagte er der Nachrichtenagentur Bloomberg mit Blick auf die Verschiebung der Jobzahlen-Veröffentlichung. Je länger der Ausfall andauert, desto schwieriger dürfte am Ende auch der Schaden des Ausgabenstopps auf die US-Wirtschaft zu beziffern sein. Klar wird, dass der Shutdown bereits auch die Privatwirtschaft erreicht hat. Nicht nur Arbeitsmarktanalysten nehmen sich frei; erste Unternehmen, etwa bei Boeing, mussten ihre Mitarbeiter ebenfalls schon vorübergehend beurlauben.

Dabei sind nicht nur Wirtschafsbehörden vom Ausfall betroffen. Mindestens 20 Webauftritte von öffentlichen Behörden werden inzwischen nicht mehr aktualisiert, viele von ihnen sind auf dem Stand vom 30. September. Dazu gehören unter anderen die Auftritte des Auslandsgeheimdienst NSA, der Strafverfolgungsbehörde Secret Service oder der Bundespolizeit FBI. Viele Mitarbeiter wurden inzwischen vorübergehend beurlaubt. Das US-Magazin Forbes veröffentlichte am Donnerstag einen entsprechenden Brief der NSA, in dem Mitarbeiter aufgefordert werden, zu Hause zu bleiben.

 

Anzeige