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Einkommen
Diese Trends zementieren die Ungleichheit

Schweiz: Die Einkommens- und Vermögensschwere bleibt gross.   Keystone

Reichtum konzentriert sich in der Schweiz auf Wenige. Zwar entwickeln sich tiefe Löhne verhältnismässig gut. Doch zwei andere Entwicklungen verhindern, dass sich die Vermögensschere schliesst.

Veröffentlicht am 13.07.2016

Die Lohnschere bleibt in der Schweiz ein grosses Thema: Vor allem das bestbezahlte Prozent profitiert seit den 1990er-Jahren von Lohnerhöhungen, das zeigt der jüngste Verteilungsbericht des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds.

Die Finanzkrise hat das Wachstum bei den hohen Löhnen vorübergehend verlangsamt und in den letzten vier Jahren konnten untere Löhne aufholen – anders als etwa in den USA und Deutschland. Aber: Das einkommensstärkste Prozent der Steuerzahler erhält hierzulande unterdessen über einen Zehntel des Brutto-Gesamteinkommens. Die Zahl der Lohnmillionäre nimmt zu. Als Resultat davon besitzen die reichsten 2,1 Prozent genau so viel wie die restlichen 97,9 Prozent.

Steigende Belastung für die Mehrheit

Nicht nur die Löhne begünstigen die Konzentration des Reichtums auf Wenige, grossen Anteil daran hat vor allem die Steuer- und Abgabenpolitik. Insgesamt muss die Bevölkerung seit der Jahrhundertwende mehr für Steuern und Abgaben aufwenden. Konkret bezahlt eine Mittelstandsfamilie heute pro Monat 90 Franken mehr als noch im Jahr 2000. Die Abgaben, besonders die Krankenkassenprämien, sind derart stark gestiegen, dass sie alle Lohnfortschritte zunichte machen. Den meisten Haushalten bleibt heute weniger zum Leben als noch vor 15 Jahren.

Bei den Steuern waren es insbesondere Reformen der Einkommenssteuern, die sich deutlich zugunsten von Personen mit sehr hohen Löhnen ausgewirkt haben. Wie die Entwicklung über die letzten 30 Jahre zeigt, sank die durchschnittliche Steuerbelastung von Lohnmillionären um über 5 Prozent. Bei den mittleren Löhnen dagegen ist keine grosse Veränderung auszumachen. Nachdem die Steuerbelastung zwischenzeitlich etwas zu- und dann wieder abgenommen hatte, ist sie heute praktisch wieder auf dem Niveau von 1984.

Hier sehen Sie die Grafik in Originalgrösse.

Die Steuerprogression ist in der Schweiz demnach zurückgegangen. Dafür verantwortlich sind laut dem Bericht des Gewerkschaftsbunds hauptsächlich die Kantone. In fast allen Kantonen ging die Steuerlast für Reiche deutlich stärker zurück als für den Mittelstand.

In jedem dritten Kanton zahlen mittlere Einkommen heute sogar mehr Steuern. Schaffhausen, Uri, Solothurn und Obwalden fallen dabei besonders auf. Obwalden verzichtet seit acht Jahren gar ganz auf ein progressives Steuermodell. Änderungen bei den Vermögens- und Erbschaftsteuern haben sich in diesem Zeitraum ebenfalls zugunsten der Reichen verändert.

Prämienverbilligungen entwickeln sich schwach

Krankenkassenprämien werden laut Einschätzung des Verbands Santésuisse auch nächstes Jahr wieder stark steigen. Damit setzt sich die Entwicklung der letzten Jahre fort. Seit 1997 haben sich die durchschnittlichen Prämien fast verdoppelt.

Da Prämien unabhängig vom Einkommen berechnet werden, können Geringverdiener nur via Prämienverbilligungen entlastet werden. Im Vergleich zu den Prämien sind diese bloss um rund einen Drittel gestiegen. Positiv fallen hier die Kantone Graubünden, Zug und Appenzell Ausserrhoden auf, negativ etwa der Kanton Bern. Dort wurden die Verbilligungen für viele Bezüger gestrichen.

Enorm stärkere Belastung

Als Konsequenz nimmt die Belastung durch diesen grossen Budgetpunkt für Geringverdiener stark zu. 14 Prozent ihres Einkommens müssen Familien mit jungen Erwachsenen in Ausbildung inzwischen für die Prämien aufwenden. Am stärksten gestiegen ist die Belastung für Paare mit zwei Kindern und einem Einkommen von 55'000 Franken, für sie hat sich die Belastung innerhalb von 14 Jahren verfünffacht.

Im Vergleich der Alleinstehenden profitiert nur gerade das oberste Prozent von einer Entlastung. Bei Familien sind es immerhin die obersten 10 Prozent. Tieflohnverdiener dagegen kostet ein Monat im Jahr 2014 durchschnittlich 180 Franken mehr als noch im Jahr 2000 (siehe Grafik unten).

Diese Umstände begünstigen die Schliessung der Lohnschere nicht und veranlassen den Gewerkschaftsbund zu Forderungen. Etwa müsse die Krankenkasse längerfristig einkommensabhängig finanziert und die Steuersenkungen für Reiche, Gutverdiener und Unternehmen korrigiert werden.

(jfr)

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