Frankreich erlebt ein neues Politerdbeben: Seit heute befindet sich Ex-Präsident Nicolas Sarkozy in der Obhut der Polizei. Die Justiz prüft, ob Sarkozy zusammen mit seinem ebenfalls in Gewahrsam genommenen Anwalt Thierry Herzog versucht hat, sich illegal Informationen aus einem laufenden Gerichtsverfahren zu beschaffen.

Das Gerichtsverfahren betrifft die Bettencourt-Affäre aus dem Jahr 2007, die eigentlich vor der höchsten juristischen Instanz Frankreichs abgeschlossen worden war. Jetzt sind jedoch neue Vorwürfe aufgetaucht. Die aktuellen Verdachtsmomente lenken den Blick auf das Netz an Korruptionsfällen, in die Sarkozy offenbar verwickelt ist:

1. Telefonüberwachung

Als die französischen Behörden Sarkozy und seinen Anwalt  ab April 2013 aufgrund von illegalen Parteispenden durch Gaddafis Libyen (siehe Punkt 3) telefonisch abhörten, wurde klar, dass Sarkozy enge Beziehungen zu höchsten Justizbeamten der Gerichte und der Polizei pflegt. Aufgrund der abgehörten Telefonate steht er unter Verdacht, gewisse Entscheide in die «richtigen Bahnen» gelenkt zu haben.

Die Justiz hatte Ende Februar 2014 ein neues Ermittlungsverfahren wegen Bestechung und Verletzung des Ermittlungsgeheimnisses eingeleitet. Sie stützte sich auf die Telefonmitschnitte. Darin erklärte sich Sarkozy bereit, einem Staatsanwalt einen Posten in Monaco zu beschaffen. Im Gegenzug sollte der leitende Staatsanwalt den Ex-Präsidenten über ein Verfahren um ihn am Kassationsgerichtshof unterrichtet und versucht haben, auf das Verfahren Einfluss zu nehmen. Dabei ging es um die Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit L'Oréal-Erbin Bettencourt.

2. Affäre Bettencourt

Die Affäre Bettencourt reicht zurück bis ins Jahr 2007. Nicolas Sarkozy wird verdächtigt, der dementen L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt für die Präsidentenkampagne illegal Gelder abgeschwatzt zu haben. Es geht um Unterschlagung und um Ausnutzung der Schwächen einer Person.

Mit der Hilfe des über Jahre engsten Vertrauten der reichsten Frau Frankreichs, die seit vergangenem Oktober wegen fortschreitender Demenz entmündigt ist, soll Sarkozy illegale Parteispenden an seine konservative Regierungspartei UMP erhalten haben. Ein Ermittlungsverfahren gegen Sarkozy dazu wurde später aus Mangel an Beweisen eingestellt. Dies könnte sich nun ändern.

3. Affäre Gaddafi-Libyen

Ebenfalls bei der Präsidentschaftskampagne im Jahr 2007 soll Sarkozy vom damaligen Machthaber Libyens, Muammar al-Gaddafi, mit mehreren Millionen Euro unterstützt worden sein. 2013 wurde ein Ermittlungsverfahren eröffnet, Telefone Sarkozys wurden abgehört. Angaben der Justiz geht es um mögliche Straftaten wie Korruption, Vorteilsnahme und Geldwäsche.

Ex-Präsident Sarkozy (2007-2012) weist die auf den Wahlkampf 2007 zurückgehenden Vorwürfe vehement zurück. Gaddafi wurde im Oktober 2011 im Zuge der Revolution in seinem Land erschossen.

4. Affäre Tapie

Im Juli 2008 erhielt der schillernde, mehrfach verurteilte französische Unternehmer Bernard Tapie, dem ehemals der Fussballclub Olympique Marseille gehörte, 403 Millionen Euro zugesprochen. Dies aus einem alten Rechtsstreit mit der Bank Crédit Lyonnais, der sich um den Verkauf von Adidas drehte. Tapie gehörten ein Teil der Sportartikelfirma.

Nicolas Sarkozy wird verdächtigt, seine damalige Finanzministerin - und heutige IWF-Chefin - Christine Lagarde unter Druck gesetzt zu haben, um für Tapie ein günstiges Urteil zu erwirken. 2011 hatte die französische Justiz formell ein Ermittlungsverfahren gegen IWF-Chefin Christine Lagarde wegen Amtsmissbrauchs eröffnet. Bei der Justiz besteht der Verdacht, dass Tapie die hohe Summe auch deshalb erhielt, weil er ebenfalls den konservativen Präsidentschaftskandidaten Sarkozy im Wahlkampf 2007 unterstützte.

5. Affäre Karachi

Er ehemalige Premierminister Edouard Balladur und der Ex-Verteidigungsminister François Léotard sollen für Waffendeals mit Saudi-Arabien und Pakistan Kommissionen eingesackt haben, die sie für die Politkampagne von Balladur 1995 verwendeten.

Der Haushaltsminister und Pressesprecher Balladurs damals war Nicolas Sarkozy. In dieser Angelegenheit wird er von der Justiz als Zeuge vernommen.

6. Millionen-Aufträge für Kollegen

In Sarkozys Präsidentschaftswahlkampf 2012 soll die PR-Firma von zwei Vertrauten begünstigt worden sein. Mit Parteigeldern sollen überhöhte Rechnungen an die Event-Tochter des PR-Unternehmens bezahlt worden sein, wodurch die Firma mindestens acht Millionen Euro eingestrichen habe. Die Justiz ermittelt, Sarkozy wird Nepotismus vorgeworfen.

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