Ein Präsidentschaftskandidat droht damit, Kriegsrecht zu verhängen; er ist für die Ermordung von Kriminellen, flucht und prahlt mit seiner Potenz: Rodrigo Duterte liegt in den Umfragen auf den Philippinen weit vor seinen Mitstreitern. Der 71-jährige Provinzbürgermeister aus Davao komme an, weil die Bürger die Nase voll hätten von Kriminalität und Korruption, sagen Analysten. Kritiker sehen in ihm einen kommenden Diktator.

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Clarita Alia spricht von einem «Monster». Der Bürgermeister habe vier ihrer Söhne auf dem Gewissen. «Meine Jungs haben gerne einen draufgemacht, das war alles», beteuert Alia. Auf offener Strasse wurden sie erstochen: Richard, Christopher, Bobby und Fernando, zwischen 2001 und 2007. Alia sitzt am Markt von Davao in ihrer Hütte mit Margarinefässern als Regalen und reicht Wasser auf einer Radkappe als Tablett. Tränen fallen auf vergilbte Fotos.

Bandenmitglieder umgebracht

Vielleicht gehörten Alias Jungen einer Bande an, vielleicht haben sie geklaut, sagen andere. Aber umbringen? «Zwischen 1998 und 2015 haben die Todesschwadronen in Davao 1424 Menschen umgebracht», schreibt Pater Amado Picardal, der lange in Davao lebte. «Es ist bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen worden, es hat keine Untersuchung der Polizei oder Stadtbehörden gegeben.» Auch mindestens zwei Duterte-kritische Journalisten wurden nach seinen Angaben ermordet.

Dass er Todesschwadronen unterhält, bestätigt der Jurist Duterte nicht. Aber er kokettiert mit seinem Killer-Image. «Wer nicht weiss, wie man jemanden umbringt, und Angst vor dem Sterben hat, ist nicht fit, Präsident zu werden», sagt er. Oder: «Wenn ich Präsident bin, mache ich in sechs Monaten Schluss mit der Kriminalität. Richtet mehr Beerdigungsinstitute ein.» Sein Markenzeichen sind derbe Sprüche. Über ein ermordetes Vergewaltigungsopfer sagte er, die Frau sei so schön gewesen, dass er am liebsten als erster «dran» gewesen wäre.

Sauber und aufgeräumt

In seiner Heimatstadt sind praktisch alle glühende Duterte-Fans. «Wenn Duterte für das Land tun kann, was er für uns in Davao getan hat, wäre das doch wunderbar», sagt die Unternehmerin Catherine Beling. Er habe Davao mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern aufgeräumt und sicher gemacht. Ein Augenschein in Davao: Dass hier die Strassen blitzsauber gefegt sind, fällt sofort auf. Rauchen ist weitgehend verboten, ausser auf Parkplätzen. Autos halten sich an Tempo 30, jeder ist angeschnallt. Minderjährige dürfen ohne Begleitung nach 22 Uhr nicht mehr auf die Strasse.

Rubylyn Abi-Abi, Mutter von zehn Kindern, hat erst im Januar ihren Sohn Arvee beerdigt. Ja, er habe mit Drogen gedealt, aber er sei ein kleiner Fisch gewesen. «Würden wir sonst in dieser armseligen Hütte sitzen?», sagt sie in ihrer einfachen Behausung am Strand.

«Eine Hinrichtung»

Ihr Vater Rosendo Jemenico zeigt, was vor den Augen aller passiert ist. Er nimmt seine Tochter in den Schwitzkasten und setzt die Finger wie eine Pistole an die Schläfe: «Eine Hinrichtung», sagt er. Die Familie traut sich nicht, Beschwerde einzulegen.

Die Philippinen sind seit dem Sturz des Diktators Ferdinand Marcos 1986 eine lebhafte Demokratie. Doch wirtschaften viele Politiker bis heute in die eigene Tasche. Nach wie vor lebt ein Viertel der gut 100 Millionen Menschen in Armut. «Die Leute wollen jetzt einen Macher», sagt Benedikt Seemann von der Adenauer-Stiftung. «Duterte ist die Personifizierung von «Recht und Ordnung», wobei es bei ihm wohl mehr um Ordnung als um Recht geht.»

(sda/gku)