Wie erlebten Sie das letzte Duell zwischen Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney?
Donald S. Beyer: Ich habe nicht ferngesehen, nur Analysen gelesen. Offenbar gab es keine groben Schnitzer. Ich war erstaunt, dass Benghasi kein Thema war oder die angeblichen bilateralen Gespräche zwischen den USA und Iran.

Wer gewinnt die Wahl?
Ich bin natürlich für Obama, er ernannte mich zum Botschafter. Ich habe ihn bereits gewählt. Doch die Umfragen sind sehr knapp. Wichtig ist mir, dass ich hier alle Amerikaner vertrete, nicht nur die Wähler von Obama.

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Es gibt verschiedene Umfragen und Wahlbörsen. Wie bilden Sie sich Ihre Meinung?
Ich schaue mir täglich die Plattform Intrade an, die wie eine Börse funktioniert. Ich denke, es macht Sinn, den Geldströmen zu folgen. Ich informiere mich auch auf fivethirtyeight.com. Ich glaube nicht an die Umfragen. Die sind sehr verwirrend. Daher das Bonmot: Die einzige Umfrage, die zählt, ist die am Wahltag.

Was wird den Ausschlag geben?
Mehr als jedes andere Thema werden der Zustand der Wirtschaft und die Arbeitslosenrate entscheidend sein. Diese liegt bei 7,8 Prozent. Seit Roosevelt gab es keinen Präsidenten, der mit solchen Zahlen wiedergewählt wurde. Aber viele denken, Obama habe gute Arbeit geleistet. Er hat jeden Monat Jobs geschaffen. Ich hoffe, der Präsident übersteht den Test.

Was sind Ihre persönlichen Pläne, falls Obama gewinnt?
Ich würde heimkehren, falls er das so wünscht. Meine Erwartung ist, dass Obama bei einer Wiederwahl neue Botschafter einsetzen wird. Das gilt für ganz Westeuropa. Falls Romney gewinnt, wird er sicherlich meinen Rücktritt erwarten und einen neuen Botschafter schicken. Das braucht aber seine Zeit.

Sie nähern sich also dem Ende Ihrer Amtszeit in Bern?
So fühlen wir uns, ja. Es wäre wunderbar, eine zweite Amtszeit zu erhalten, aber es wäre sehr ungewöhnlich. Wir haben die Schweiz je länger, je lieber gewonnen.

Welchen Einfluss hätte ein Präsident Romney auf die schweizerisch-amerikanischen Beziehungen?
Ich denke nicht, dass sich viel ändern würde. Obama ist in der Schweiz sehr populär. Aber ich hoffe, auch ein Präsident Romney wäre in der Schweiz populär. Viele Dinge, die die Schweiz und die USA verbinden, haben nichts mit dem Präsidenten zu tun. Die beiden Länder arbeiten auf vielen Ebenen zusammen: Georgien, Armenien, Mali, Syrien, Libyen – überall auf der Welt, wo es Probleme gibt.

Die Schweiz und die USA werden häufig als Schwesterrepubliken bezeichnet. Doch in letzter Zeit hat man eher den Eindruck eines Familienzwists.
Es gibt nur ein einziges wirkliches Problem. Unser Justizdepartement will Steuerbetrüger zur Rechenschaft ziehen. Wir haben eine starke Steuerverwaltung. Sie verfolgt Amerikaner, die weltweit Vermögen verstecken. Wir versuchen, einen Weg zu finden, diese Amerikaner zu kriegen, ohne Schweizer Recht zu brechen.

Anfang Jahr erwarteten Sie eine Globallösung für den Frühling. Nun ist ein halbes Jahr vergangen – ohne Ergebnis.
Ich habe mich getäuscht, meine Kristallkugel war wohl bewölkt. Ich werde keine Prophezeiungen mehr machen.

Die US-Seite wirft der Schweiz offenbar vor, ihr Wort gebrochen zu haben.
Ich weiss es nicht, ich kann nichts dazu sagen. Aber so, wie ich das verstehe, finden die Verhandlungen derzeit vor allem zwischen den USA und den einzelnen Banken statt.

Doch die Verhandlungen zwischen den beiden Staaten kommen nicht voran.
Ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass die Regierung das Doppelbesteuerungsabkommen ratifizieren will. Sobald wir Gruppenanfragen stellen können, ist das ein wichtiger Schritt nach vorn.

Ein Fortschritt Richtung Globallösung?
Ja.

Offenbar ist die Gruppenanfrage ein grosses Thema. Die USA sind der Ansicht, der UBS-Staatsvertrag biete dafür bereits die Grundlage. Die Schweiz sieht das anders.
Ich vermute, der UBS-Staatsvertrag kann unterschiedlich interpretiert werden. Das ist eines der Hauptprobleme.

Der Steuerstreit führt auch dazu, dass Doppelbürger ihren US-Pass abgeben.
Im Moment ist das in der Schweiz ein grösseres Phänomen als irgendwo sonst auf der Welt. Die meisten sind Schweizer, hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Den US-Pass haben sie nur wegen eines Elternteils oder weil sie «nur» in den USA geboren sind. Doch mit der strikteren Durchsetzung der US-Gesetze ist der US-Pass nicht mehr so attraktiv. Einige von ihnen verlieren ihre Bankbeziehungen, weil manche Banken sie nicht mehr als Kunden wollen. Für solche Leute ist es einfacher, die Staatsbürgerschaft aufzugeben. Das haben in diesem Jahr viele Hunderte Doppelbürger in der Schweiz so gemacht, aber prozentmässig ist es immer noch eine kleine Zahl.

Sie sind gleichzeitig auch der Botschafter für die USA in Liechtenstein. Warum ist die Beziehung zu Liechtenstein weniger belastet als jene zur Schweiz?
Das Fürstenhaus und die Regierung von Liechtenstein waren entschlossen, von schwarzen oder grauen Listen wegzukommen. Sie entwickelten früh eine Weissgeld-Strategie.

Liechtenstein hatte als sehr kleines Land keine andere Wahl, als dem Druck der USA nachzugeben, während die Schweiz ihre Interessen verteidigen musste.
Das ist eine andere Interpretation. Ich hatte aber bei meinen Gesprächen mit Fürst Hans-Adam oder Erbprinz Alois nie das Gefühl, sie hätten Angst vor den USA. Liechtenstein ist wohl das einzige Land, das mehr Jobs als Einwohner hat. Die  Aufweichung des Bankgeheimnisses war kein fundamentaler Verlust für sein Wirtschaftssystem.

Und die Schweiz?
Sie hat diesen Entscheid nicht gefasst. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass das Bankgeheimnis für einige Privatbanken über Generationen eine wichtige Geschäftsbasis bildete.

 

Der Mensch

Name: Donald Sternoff Beyer

Funktion: US-Botschafter

Alter: 52

Wohnort: Bern

Familie: Verheiratet, vier Kinder, ein Hund

Ausbildung: Bachelor of Arts

Die Botschaft
Die Botschaft in Bern ist zuständig für die Schweiz und Liechtenstein. Don Beyer ist seit 15. August 2009 amerikanischer Botschafter für die Schweiz und Liechtenstein, nachdem er Wahlhelfer bei Obamas erster Wahl war. Zuvor war Beyer in den USA Gründer einer Autohandlung, welche die Marken Volvo, Land Rover, Subaru und Kia vertrat. 2006/2007 war er Vorsitzender der amerikanischen Vereinigung internationaler Autohändler.