Trumps erste Arbeitswoche als Präsident begann mit einem Wutanfall. Er war am Samstagmorgen gerade vom Gottesdienst zurückgekommen, die letzte Zeremonie seiner Amtseinführungsfeier, als er den Fernseher einschaltete und die Demonstranten sah, die gegen ihn in Washington und vielen Städten in den USA und weltweit protestierten. Immer wieder wurden die spärlichen Massen auf der Mall während seiner Inaugurationsfeier gezeigt und verglichen mit den weit besser besuchten Protesten oder mit Barack Obamas Amtseinführung.

Alle schienen sich gegen ihn verschworen zu haben. Ein «Time»-Journalist hatte die Falschmeldung in die Welt gesetzt, Donald Trump habe die Büste von Martin Luther King aus dem Oval Office entfernt. Selbst die nationale Parkaufsicht hatte ein unvorteilhaftes Bild getweetet, das die Besucher bei seiner und bei Obamas Amtseinführung nebeneinander zeigte. TV-Kommentatoren machten hämische Bemerkungen. Die Stars, die für ihn nicht hatten singen wollen, traten nun gegen ihn auf. Madonna sprach sogar davon, «das Weisse Haus in die Luft zu sprengen».

Donald Trump war ausser sich

Etwas explodierte dann tatsächlich im Weissen Haus: der Präsident. Seine Berater versuchten, ihn zu beruhigen, er solle doch einfach einen Tweet schreiben. Doch der Chef war ausser sich. Er wollte eine feurige Antwort auf das, was er als Verächtlichmachung des wichtigsten Tages in seinem Leben empfand. Und sie sollte von seinem Pressesprecher selbst kommen.

Sean Spicer jedenfalls, der mit dem Auspacken von Kartons in seinem Sprecherbüro beschäftigt war, folgte prompt dem Ansinnen seines Chefs. Er rief eine ausserordentliche Pressekonferenz ein – noch bevor es überhaupt eine ordentliche gegeben hatte. Dann folgte ein gespenstischer Auftritt. In einem schlecht sitzenden, hellgrauen Anzug und mit gepresster Stimme stauchte der Sprecher die Presse zusammen.


Er behauptete viele Dinge über die Amtseinführungsfeier, die erwiesenermassen falsch waren. Dann verstieg er sich zu einer bombastischen Aussage: «Das war die grösste Zahl von Zuschauern, die jemals eine Inauguration erlebt hat. Punkt. Sowohl vor Ort als auch um den Globus herum.» Spicer hatte seinen ersten offiziellen Auftritt vor der Presse mit einer gigantischen Lüge begonnen. Und man sah ihm an, wie unwohl er sich in seiner Haut fühlte. Er ging, ohne Fragen zugelassen zu haben.

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Wie der Boss eines Mafiaklans, der Loyalität einfordert, hatte Trump seinen Pressesprecher gezwungen, für ihn zu lügen. Und das nur, weil der Chef eine Obsession mit Einschaltquoten hat. Das war schon so, als er noch ein Reality-TV-Star bei «The Apprentice» war. «Ich habe noch nie jemanden in der TV-Industrie erlebt, und ich bin schon 20 Jahre dabei, dem Einschaltquoten, positive und negative, so enorm wichtig waren wie Donald Trump», sagte Jim Dowd, der bei NBC für die PR der Show verantwortlich war, gegenüber CNN. Und das hat Trump bis heute nicht abgelegt.

Trump kann Clintons Stimmenvorsprung nicht verwinden

Das ist auch der Grund für seine zweite Obsession dieser Tage. Er kann es einfach nicht verwinden, dass Hillary Clinton landesweit 2,8 Millionen Stimmen mehr bekam als er. Am Montag stellte Trump deshalb vor einer verdutzten Gruppe von Kongressmitgliedern die Behauptung auf, drei bis fünf Millionen Stimmen seien gefälscht gewesen. Und die seien alle für Clinton abgegeben worden. Dafür gibt es zwar keinerlei Hinweise.


Das hält Trump aber nicht davon ab, per Dekret eine Untersuchung anzuordnen über den angeblichen Wahlbetrug. Selbst wenn der Präsident und die Realität frontal kollidieren, lenkt er nicht ein, sondern setzt noch einen drauf. Dass Trump selbst im höchsten Amt nicht aufhört, grobe Lügen zu erzählen, gibt den USA inzwischen ein «Gefühl von Bananenrepublik», schreibt «Politico».

Überbordender Narzismuss

Es war eine Woche, in der viele Theorien widerlegt wurden, mit denen Kommentatoren, Experten und republikanische Politiker die Bevölkerung in den vergangenen Monaten zu beruhigen suchten. Nein, das hohe Amt hat keinen mässigenden Einfluss auf Trumps Charakter. Nein, er verhält sich nicht würdiger, als er es vorher getan hat. Auch sein überbordender Narzissmus wurde nicht befriedet. Es reicht ihm nicht, den mächtigsten Posten der Welt zu haben. Er will auch von Massen und Medien geliebt werden. Und wenn das nicht passiert, dann erfindet er seine eigene Realität und keilt aus.

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Seine Berater und die Republikaner im Kongress werden Trump einhegen, hiess es oft. Auch dafür gibt es bisher keinen Beleg. Seine eigenen Minister wurden oft überrascht von Dekret-Entwürfen, die aus dem Weissen Haus durchsickern. Wenn überhaupt, dann ist in Trumps ersten Entscheidungen der Einfluss des Rechtsauslegers und Heisssporns Steve Bannon erkennbar. Der ehemalige «Breitbart»-Chef und heutige Chefberater Trumps hat sich gerade einem Interview mit der «New York Times» als «Darth Vader» bezeichnet und empfahl der Presse, einfach «den Mund zu halten».

Wortspiel nach Trumps Wahlsieg

Und die Republikaner im US-Kongress scheinen bisher bei vielem mitmachen zu wollen. Abgeordnetenhaussprecher Paul Ryan, einst als Sparfalke bekannt, hat offenbar kein Problem damit, Trump einen zweistelligen Milliardenbetrag für seine Mauer zu bewilligen. Es war nie mehr als eine hehre Hoffnung, dass ein republikanisch kontrollierter Kongress als «Checks and Balances» der Trump-Regierung fungieren würde.

Seit Trumps Wahlsieg macht in Washington ein Wortspiel die Runde. Demnach hätten Journalisten Trump wörtlich, aber nicht ernst genommen, während seine Fans ihn ernst, aber nicht wörtlich genommen hätten. Inzwischen wissen wir, dass beide falschlagen. Trump hätte man ernst und wörtlich nehmen sollen. Denn vieles von dem, was er angekündigt hat an radikaler Politik, hat er schon auf den Weg gebracht, oder es ist in Vorbereitung.

Mauerbau und Einreisestopp

Er hat ein Dekret zum sofortigen Beginn des Mauerbaus im Süden unterzeichnet und eine schwere diplomatische Krise mit dem engen Alliierten Mexiko ausgelöst, weil sich das Land weiter weigert, für Trumps neue Immobilie zu bezahlen. Trump hat angeordnet, die Einwanderungs- und Abschiebebestimmungen mit harter Hand durchzusetzen, und er wird Städten Bundesmittel entziehen, die nicht kooperieren. Chicago hat der Präsident gar gedroht, Bundestruppen zu schicken, wenn die Stadt ihr Kriminalitätsproblem nicht in den Griff bekommt.

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Trump hat die Einreise aus sieben muslimischen Ländern ganz gestoppt und will zunächst auch keinerlei Flüchtlinge mehr aufnehmen. Und er will das eigentlich abgeschlossene, schmerzhafte Kapitel von CIA-Gefängnissen und Foltermethoden wieder aufmachen. Zudem sollen Amerikas Zahlungen an internationale Organisationen wie die UN drastisch reduziert werden. Auch der Rückzug aus multilateralen Verträgen wird erwogen. Das transpazifische Freihandelsabkommen TPP ist schon abserviert, und Trumps Pressesprecher hat Mexiko Einfuhrzölle angedroht.

Trotz seiner Machtfülle dünnhäutig

Trump hat zudem einen Regulierungsstopp verkündet, einen Einstellungsstopp, hat den Weg für den Bau von zwei gestoppten Ölpipelines frei gemacht und erste Anordnungen für die Abschaffung von Obamas Krankenversicherung getroffen. Vieles davon ist erst der Beginn eines langen Prozesses. Aber die Geschwindigkeit ist atemberaubend.

Trump selbst ist trotz der enormen Machtfülle seines neuen Amtes dünnhäutig geblieben. Mehrfach in dieser Woche hat sein Pressesprecher den «demoralisierenden» Effekt beklagt, den kritische Medienberichte auf das Weisse Haus hätten, und der Präsident beschwert sich ständig über «herabwürdigende» Berichterstattung. Trump ist der «Whiner-in-Chief», der Chefgreiner, geblieben, der sich stets ungerecht behandelt fühlt und nach Respekt giert, obwohl er andere respektlos behandelt.

Derweil stecken Trumps Mitarbeiter der Presse seine Wutausbrüche genauso wie seine Kritik an den Anzügen Spicers. Man erfährt, wie seine Berater verzweifelt versuchen, ihm Telefon und Twitter wegzunehmen, damit er nicht so viel Schaden anrichtet. Termine werden nun immer schon um neun Uhr morgens angesetzt, damit der Chef nicht mehr so viel Zeit hat, sich über das Frühstücksfernsehen aufzuregen. «Ich habe noch nie so schnell so viele Durchstechereien gesehen – und mit solch einer Verachtung für den Präsidenten –, wie ich sie in den ersten sechs Tagen von Donald Trumps Präsidentschaft erlebt habe», schreibt Chris Cillizza, langjähriger Politbeobachter der «Washington Post».

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In diesen Insidererzählungen erscheint Trump wie ein impulsives, ignorantes Kind, das sich ablenken lässt, unnötig in Nebensächlichkeiten verkämpft und gegen den Rat seiner engsten Mitarbeiter handelt. Das ist Ausdruck von heftigen Grabenkämpfen im Weissen Haus. Und von der wachsenden Verzweiflung mancher Mitarbeiter, dass das Amt so wenig geholfen hat, Trump zu einem präsentablen Präsidenten zu machen. Das hohe Tempo der neuen Regierung und die vielen Haupt- und Nebenkampfplätze haben sowohl Freund als auch Feind erschöpft. Und das war nur die erste Woche.


Dieser Text erschien zuerst in unserer Partnerpublikation «Die Welt» unter dem Titel «Im Weißen Haus regiert ein Unberechenbarer».
 

Diese Machtfülle geniesst Donald Trump als Präsident

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