In New Yorks 5th Avenue stehe «vor jedem Haus ein Mercedes», im Gegenzug gebe es praktisch keine Chevrolets in Deutschland – klagt Donald Trump. Für den kommenden US-Präsidenten ist dieser Befund ein Zeichen dafür, dass es ein Ungleichgewicht im deutsch-amerikanischen Handel gibt. Deutschland sei «sehr unfair gegenüber den USA», es «besteht keine Gegenseitigkeit», so Trump. Deutschlands Autobauer seien in Amerika zu stark, die amerikanischen in Deutschland und Europa zu schwach.

Das will der künftige US-Präsident nun ändern. Wobei er offenlässt, wie. Hohe Einfuhrzölle auch für Autos deutscher Hersteller aus dem Billiglohnland Mexiko in die USA könnten den Deutschen das Geschäft schwerer machen. Erfolgreicher werden die US-Autohersteller dadurch in Europa aber nicht.

Trump zeichnet ein falsches Bild

Trumps Vergleich von Mercedes und Chevrolet ist an sich schon gewagt. Dass es in der 5th Avenue genug Leute gibt, die sich teure Autos wie Mercedes leisten können, mag sein. Aber damit zeichnet Trump ein falsches Bild, wonach die USA mit deutschen Autos überflutet werden. Tatsächlich beträgt der Marktanteil der deutschen Autobauer in den Vereinigten Staaten gerade mal sieben Prozent – und das gilt für Mercedes, BMW, Audi, Volkswagen und Porsche zusammen. Und der Marktanteil schrumpft sogar seit drei Jahren. Die Deutschen spielen also in einer Nische, für die sich Trump gar nicht interessieren müsste.

Richtig ist sein Befund, dass Chevrolet in Deutschland gar keine Rolle spielt. Aber auch hier erweckt Trump einen falschen Eindruck. Nämlich den, dass die US-Autobauer in Deutschland und Europa völlig erfolglos seien. Das sind sie tatsächlich, wenn sie mit ihren US-Marken antreten. Die will hierzulande kein Mensch kaufen. Die Qualität stimmt einfach nicht, sie verbrauchen zu viel Sprit, und das Design ist nicht nach dem Geschmack der Deutschen. Zu plump, zu klobig, zu viel Bling-Bling.

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Aus diesem Grund hat sich General Motors (GM) nie mit Marken wie GMC, Oldsmobile, Pontiac oder Saturn nach Deutschland getraut. Oder Chrysler mit der Marke Dodge. Oder Ford mit seiner Edelmarke Lincoln. Die wären allesamt chancenlos. Chrysler hat es mit seiner Stammmarke versucht, 2015 wurden davon hierzulande 225 Stück zugelassen. Bei einem Gesamtmarkt von 3,2 Millionen verkauften Neuwagen. GMs Corvette taucht in der Statistik gar nicht auf, obwohl sie wieder zu haben wäre, Chevrolet, auch eine GM-Marke, wurde noch 57 Mal zugelassen. Es handelt sich um Restposten.

Chevrolet für Europa zu «crappy»

Den Grund für das Chevrolet-Debakel könnte Trump in den USA erfragen – in Detroit, Jefferson Avenue, Renaissance Center. Dort hat GM-Chefin Mary Barra ihr Büro. Sie entschied mit ihren Topmanagern 2014, Chevrolet in Europa vom Markt zu nehmen. «No more crappy cars» («nie mehr besch... Autos»), hatte Barra im Jahr zuvor versprochen.

Aber Chevrolet war offenbar für Europa weiter zu «crappy». In der Pressemitteilung hiess es damals zu dem Aus: «Aufgrund einiger ungünstiger Faktoren, die in den letzten Jahren die europäische Automobilindustrie belastet haben, waren die Geschäftsergebnisse von Chevrolet untragbar und hatten für die Zukunft eine ebenso schlechte Prognose. Aus diesem Grund wurde entschieden, die PKW-Verkäufe von Chevrolet in West- und Mitteleuropa einzustellen.» In Russland kann man die «Chevis» übrigens weiterhin kaufen.

Vor diesem Hintergrund könnte man meinen, die Amerikaner verstehen das europäische Autogeschäft nicht. Aber das ist falsch. Mit Ford Europe, einer hundertprozentigen Ford-Tochter, ist die Konzernmutter, die ebenfalls nahe Detroit ihren Sitz hat, überaus erfolgreich.

Ford und Opel sind wichtige Autohersteller in Europa

Ford gehört zu den grossen Volumenherstellern in Europa, und das seit Jahrzehnten. Und GM hat in Europa Opel. Ein Hersteller mit zwei Marken, Opel und Vauxhall, der zwar seit Jahren in Turbulenzen steckt, aber weiterhin zu den wichtigen Autoherstellern in Europa gehört – mit drei Werken in Deutschland.

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Auch wenn viele Deutsche inzwischen das Gefühl haben, dass Opel gar kein richtiger deutscher Automobilhersteller mehr ist. Opel ist eng in den weltweiten GM-Verbund integriert, die wichtigen Entscheidungen fallen in Detroit. Opel und GM kann man nicht trennen. Deshalb wurden die Rüsselsheimer im Krisenjahr 2009 auch nicht verkauft.

Mit Ford Europe und Opel/Vauxhall haben die US-Autobauer also erhebliche Verkaufserfolge. Ihr Marktanteil in Deutschland beträgt zusammen 15 Prozent. Ford kommt auf 7,7 und Opel auf 7,3 Prozent. 2015 haben die beiden Hersteller fast eine halbe Million neue Fahrzeuge zugelassen. Damit sind nur VW, BMW und Daimler in Deutschland stärker. Sie sind also nicht, wie Trump klagt, völlig unterrepräsentiert. Allerdings, und darum geht es Trump ja, schaffen sie in erheblichem Umfang Jobs in Deutschland.

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Trump mag deutsche Autos

Er selbst mag übrigens auch deutsche Autos. Zu Trumps angeblich grossem Fuhrpark soll unter anderem ein Mercedes SLR McLaren aus dem Jahr 2003 gehören, ausserdem ein Mercedes-Maybach S600. Das behaupten zumindest diverse US-Medien, gesicherte Erkenntnisse gibt es kaum.

Demnach hat Trump ausserdem eine Vorliebe für Rolls-Royce und besitzt einen Phantom und einen Silver Cloud. Einen 1997er Lamborghini Diablo soll er mal besessen haben, aber der wurde über Ebay verkauft, ebenfalls abgestossen hat Trump nach Berichten von US-Medien einen Cadillac Allanté von 1987.

Das einzige US-Auto, das nach seinen Angaben im Fuhrpark stehen könnte, ist ein Escalade von Cadillac – das ist auch eine Marke von General Motors. Aber ab dieser Woche spielen alle Spekulationen über die Automarken Trumps keine Rolle mehr. Denn dann fährt der neue Präsident eine Dienstkarosse, das fünf Tonnen schwere Modell, das «Beast» genannt wird. Und das ist ein echtes US-Car, ein Cadillac von GM.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf «Die Welt» unter dem Titel «Trumps Wissen über Autos ist bescheiden».