Die öffentliche Entrüstung in Deutschland war gross, als vor ein paar Wochen der Fall Uli Hoeness ans Licht kam: Steuerhinterziehung, so der Tenor, sei völlig inakzeptabel – vor allem bei einer Vorbildfigur wie Hoeness. Zwei von drei Bundesbürgern forderten damals, im April, in einer Umfrage härtere Strafen für Steuerhinterzieher.

Nun erscheinen diese Zahlen in einem neuen Licht: Eine Untersuchung im Auftrag der Essener Minijob-Zentrale, die der Zeitung «Die Welt» vorab vorliegt, hat ergeben, dass die Deutschen beim Thema Steuerhinterziehung eine deutliche Doppelmoral an den Tag legen. Fast jeder fünfte Bundesbürger hat nach Auskunft der repräsentativen Studie schon einmal Arbeiter schwarz beschäftigt, jeder Zehnte sogar in den eigenen vier Wänden – zum Beispiel als nicht angemeldete Putzfrau.

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99 Prozent verurteilen Reiche

Gleichzeitig gaben 65 Prozent der Befragten in der Umfrage an, Schwarzarbeit schade der Gemeinschaft. «Die Umfrage zeigt, dass Denken und Handeln zwei grundverschiedene Dinge sind», sagt der Leiter der Minijob-Zentrale, Erik Thomsen. Das zeige auch die Statistik seines Hauses: Rund eine Viertelmillion Haushaltshilfen sind offiziell bei der Zentrale gemeldet. «Wir schätzen aber, dass es bis zu vier Millionen Haushaltshilfen in Deutschland gibt», sagt Thomsen.

«Geht man davon aus, dass ebenso viele Bundesbürger Schwarzarbeit leisten, würde das bedeuten, dass jeder Zehnte im Land Wirtschaftskriminalität begeht.» Fast 40 Prozent der Umfrageteilnehmer sagten, sie verurteilten niemanden, der durch kleine Tricks Geld sparen wolle, zum Beispiel bei der Steuererklärung .

Oben gelten andere Massstäbe

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Erwartungen der Bundesbürger an die Menschen an der Spitze der Gesellschaft: Ganze 99 Prozent der 1000 Befragten sagten, dass Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung bei Reichen und Prominenten inakzeptabel seien. Dominik Enste, Professor für Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, sagt, in der Wahrnehmung der Bürger gelte der Zusammenhang: «Wer viel Geld verdient und in einer privilegierten Stellung ist, an den werden im Gegenzug höhere moralische Standards angelegt als an den Normalbürger», sagt Enste.

Als Beispiel gilt der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff. Lange wurde öffentlich darüber diskutiert, ob der Hauskredit, der seinen Absturz auslöste, tatsächlich ein schweres moralisches Vergehen bedeutet habe – schwer genug, um ihn das Amt kosten zu können.

Gift für die Steuermoral

Wenn Prominente Steuern hinterziehen, wie zuletzt Uli Hoeness, wiegt dies laut Enste aber auch aus einem anderen Grund besonders schwer: weil es bis in die Mitte der Gesellschaft hinein negativ wirke.
«Steuerhinterziehung der Reichen durch Schwarzgeldkonten in der Schweiz ist Gift für die Steuermoral eines Landes», sagt der Wirtschaftswissenschaftler – oder anders herum betrachtet: «Erst, wenn der Fisch nicht mehr vom Kopf her stinkt, hat das auch eine positive Durchwirkung auf die Gesellschaft.»

Schwarzarbeit im Privathaushalt gelte in Deutschland vielen als Kavaliersdelikt, sagt Enste – sei es die schwarz beschäftigte Putzfrau, sei es der Handwerker, der ohne Rechnung die Terrasse neu fliest. Das gilt offenbar umso mehr, je höher das Einkommen ist: Jeder vierte Teilnehmer an der Umfrage mit einem Haushaltseinkommen von monatlich 3000 Euro oder mehr gab an, schon einmal jemanden ohne Rechnung beschäftigt zu haben.

Der Ehrliche darf nicht der Dumme sein

Bei den Umfrageteilnehmern mit weniger als 1500 Euro Haushaltseinkommen war es nur jeder zehnte – was wohl auch damit zusammenhängt, dass sich überhaupt erst Haushalte mit höheren Einkommen eine Haushaltshilfe oder Reparaturarbeiten am eigenen Haus leisten können. Doch gerade in der gehobenen Mittelschicht sei das Denken weit verbreitet, man habe für sein Geld hart gearbeitet, also wolle man sich nicht zu viel davon vom Staat wegnehmen lassen, sagt Enste. «Wir müssen weg von der Denke, der Ehrliche sei der Dumme.»

Minijob-Zentralenleiter Thomsen sagt, den Bürgern fehle es an Solidarität: «Die Leute sagen sich, 200 oder 300 Euro Sozialabgaben pro Jahr mehr oder weniger, das fällt dem Staat doch nicht auf. Dabei geht es in Summe um die gleichen Dimensionen wie bei einem Uli Hoeness.»

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt».