1. Home
  2. Politik
  3. Droht Ägypten jetzt der Bürgerkrieg?

Staatskrise
Droht Ägypten jetzt der Bürgerkrieg?

Nach dem «Freitag des Zorns» drohen Ägypten auch in der kommenden Nacht neue Ausschreitungen und Scharmützel. Die Justiz lässt sich von der Staatskrise jedoch nicht aus der Ruhe bringen.

Veröffentlicht am 06.07.2013

Ägyptens Sicherheitskräfte bereiten sich auf neue Zusammenstösse mit Anhängern der entmachteten Staatsführung vor: Nachdem am Vorabend mehr als zwei Dutzend Menschen bei gewaltsamen Auseinandersetzungen getötet worden waren, bezogen bewaffnete Bereitschaftspolizisten Stellung an mehreren Strassenkreuzungen und Brücken der Hauptstadt Kairo.

Besonders ausgeprägt war die Spannung rings um die Universität Kairo, wo die islamistischen Muslimbrüder Barrikaden errichteten und den Sicherheitskräften Porträts ihres entmachteten Idols Mohammed Mursi entgegenstreckten.

Auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo, den mit Stöcken bewehrte Mursi-Kritiker vor gegnerischen Aktivisten abriegelten, verbrachten hunderte Demonstranten die Nacht in Zelten. Zuvor war die Gewalt zwischen Anhängern und Gegnern des gestürzten Staatschefs sowie Soldaten am späten Freitagabend weiter eskaliert.

Führungsriege der Muslimbrüder in Haft

Landesweit wurden mindestens 30 Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen getötet, die meisten davon in der Küstenstadt Alexandria und in Kairo. Die staatliche Nachrichtenagentur Mena berichtete von mehr als 460 Verletzten, das Gesundheitsministerium in Kairo von mehr als 1100.

Die Militärführung hatte Mursi entmachtet und im Verteidigungsministerium festgesetzt. Auch die Führungsriege der Muslimbrüder wurde festgenommen, die islamische Verfassung ausser Kraft gesetzt. Als Übergangspräsident setzten die Streitkräfte den obersten Verfassungsrichter Adli Mansur ein, der sogleich das von den Islamisten dominierte Oberhaus auflöste.

Derweil ist inmitten der Turbulenzen um die Entmachtung seines Nachfolger der Prozess gegen Ägyptens früheren Staatschef Husni Mubarak fortgesetzt worden. Vor Beginn der mittlerweile vierten Anhörung vor dem Strafgerichtshof in Kairo plädierte die Verteidigung erneut auf Freispruch für ihren Mandanten.

Mubarak vor Gericht

Mubarak verfolgte das Geschehen mit Sonnenbrille und in weisser Häftlingsbekleidung aus seiner Gitterzelle im Gerichtssaal, wo er zusammen mit den anderen Beschuldigten sass. Die Anhörung wurde im Staatsfernsehen übertragen.

Der 85-jährige Ex-Präsident ist wegen Korruption und Beteiligung an der gewaltsamen Unterdrückung jener Proteste angeklagt, die trotz der Gewalt fortgesetzt wurden und letztlich zu seinem Sturz im Februar 2011 führten. Vor einem Jahr war er zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Diesen Januar gab die Justiz aber Mubaraks Berufung statt und kassierte das Urteil wegen Formfehlern. Anschliessend wurde ein neuer Prozess angesetzt.

Neben Mubarak sind auch der frühere Innenminister Habib al-Adli sowie mehrere weitere Ex-Mitglieder des Sicherheitsapparats wegen Beihilfe zum Mord während der Proteste zwischen dem 25. und dem 31. Januar 2011 angeklagt. Damals kamen hunderte Menschen ums Leben. Mubaraks Söhne Gamal und Alaa müssen sich zudem wegen Korruption verantworten.

Das juristische Verfahren gegen Mubarak spaltet Ägypten seit langem in vehemente Anhänger und Kritiker des ehemaligen Staatschefs, wird in diesen Tagen aber vom Chaos um den Sturz seines Nachfolgers Mohammed Mursi überschattet. 

(muv/sda)

Anzeige