In der weissrussischen Hauptstadt Minsk kamen Vertreter der Regierung in Kiew, der prorussischen Separatisten, Russlands und der Organisationen für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in einem Hotel zusammen. Die Rebellen und die ukrainische Regierung haben der Nachrichtenagentur Interfax zufolge eine Vereinbarung über den Beginn einer Waffenruhe unterzeichnet. Die Feuerpause solle noch am Freitag um 17.00 Uhr (MESZ) in Kraft treten, zitiert die Agentur eine mit den Gesprächen vertraute Person.

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Eine offizielle Bestätigung gab es bei den Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien in der weissrussischen Hauptstadt zunächst nicht. Der ukrainische Präsident Poroschenko bestätigte aber im Verlauf des Nachmittags, dass die Waffen ruhen sollen.

Konflikt treibt europäische Verteidigungspolitik

In dem Konflikt sah sich Russland wegen seiner Unterstützung für die Separatisten weiter internationaler Kritik ausgesetzt. Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) warf Putin vor, durch seine Ukraine-Politik aktiv die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen zu verschlechtern. «Die Friedensdividende» - eine Annäherung zwischen Ost und West nach dem Kalten Krieg - werde «durch Herrn Putin zerstört», sagte Gabriel in Berlin. Europa denke wegen Putins Politik wieder darüber nach, ob seine Verteidigungsbereitschaft eigentlich ausreiche, sagte der Bundeswirtschaftsminister.

Russlands Staatschef Wladimir Putin hatte einen Sieben-Punkte-Plan für Frieden in der Ostukraine formuliert, in dem er unter anderem einen Rückzug aller Bewaffneten und einen Gefangenenaustausch fordert. Eine Entwaffnung der prorussischen Separatisten sieht Putins Plan indes nicht vor.

Kampferfolge für die Aufständischen

Die Aufständischen verzeichneten eigener Darstellung zufolge weitere Kampferfolge. Eine erste Gruppe von Separatisten sei in Mariupol am Asowschen Meer eingetroffen, hiess es. Vom Stadtrand aus waren Explosionen zu hören, im Zentrum von Mariupol waren aber keine bewaffneten Kämpfer zu sehen, wie die russische Agentur Interfax berichtete.

Die Führung in Kiew befürchtet, dass die Aufständischen mit der Einnahme der Stadt letztlich einen Landkorridor zwischen Russland und der annektierten Krim anstreben. Auch um die Separatistenhochburg Donezk dauerten die Gefechte an. Die Aufständischen sprachen von 23 eigenen Toten. In den Reihen der Armee kamen demnach 50 Soldaten ums Leben oder wurden verletzt. Der Stadtverwaltung von Donezk zufolge starben fünf Zivilisten.

Medien kratzen an der Propaganda

Der Westen wirft Russland vor, die prorussischen Separatisten im Kampf gegen das ukrainische Militär mit Waffen und Soldaten zu unterstützen. Moskau hat dies wiederholt bestritten. Mehrere russische Fernsehkanäle strahlten am Freitag aber fast gleichzeitig Sendungen über «Freiwillige» aus, die im Kampf gegen die ukrainische Armee als «Helden» ihr Leben liessen. Die Berichte gelten als Reaktion auf zunehmende Fragen der russischen Öffentlichkeit und auf Enthüllungen regierungskritischer Medien. Diese dokumentieren seit Wochen geheime Beerdigungen von Soldaten.

Einem ukrainischen Militärsprecher zufolge sind im Ukraine-Konflikt bislang etwa 2000 russische Soldaten getötet worden. Eine unabhängige Bestätigung der Angaben war nicht möglich. Die Vereinten Nationen haben die Gesamtzahl der Opfer in dem Konflikt auf mehr als 2600 beziffert.

Einfuhrverbot für Süssigkeiten

Russland weitete im Konflikt mit dem Nachbarland ein Einfuhrverbot von Konditoreiwaren und Süssigkeiten aus - angeblich zum Schutz seiner Verbraucher. Der Boykott betraf bisher vor allem Erzeugnisse des Süsswarenkonzerns Roshen des ukrainischen Präsidenten Poroschenko und wurde jetzt auf weitere Hersteller der Ex-Sowjetrepublik ausgeweitet, wie die Verbraucherschutzbehörde in Moskau mitteilte. Grund für das Einfuhrverbot seien Verstösse gegen die Etikettierung der Waren.

Die EU-Staaten wollten am Freitag ihrerseits über eine mögliche Verschärfung der Sanktionen gegen Russland beraten. Diplomaten betonen, die endgültige Entscheidung über neue Strafmassnahmen werde mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in der Ostukraine fallen.

(awp/reuters/ise/me)