Manchmal wird man die Geister nicht mehr los, die man gerufen hat. Mit einem Schreckensvideo von Filmemacher Michael Steiner wollte Economiesuisse vor der Abstimmung über die Abzockerinitiative das Ruder herumreissen. Das Werk mit dem Namen «Grounding 2026» sollte ein Horrorszenario über den drohenden Niedergang der Schweiz verbreiten und Managerschreck Minder stoppen.

Abgesehen von der Ausstrahlung des Films wurde freilich gar nichts gestoppt. Minder siegte auf der ganzen Linie und seither umweht der Geruch des Groundings den mächtigsten Wirtschaftsverband der Schweiz – genauer dessen Präsidenten Rudolf Wehrli. Seit Tagen schon kursieren Gerüchte über seinen Rücktritt. So richtig dementieren will das bislang niemand.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Die Person Wehrli ist nur ein Teil des Problems

Fakt ist, bei Economiesuisse liegen die Nerven blank. Seine Chefs galten einst als achte Bundesräte, die das Land heimlich mitregierten. Jetzt kämpft die Truppe mit einer heftigen Sinnkrise. Die Lobby von Novartis, Nestlé, UBS & Co. hat offenbar ein massives Führungsproblem.

Die Bilanz von Wehrlis nicht einmal einjähriger Amtszeit fällt tatsächlich wenig schmeichelhaft aus. Zuerst heizte ihm Thomas Minder ein. Der Schaffhauser Überzeugungstäter traf mit seiner Abzockerinitiative genau den Nerv des Volkes. Die PR-Strategen der Wirtschaft wussten dem nichts entgegenzusetzen. 8 Millionen Franken butterten sie in den Abstimmungskampf.

Kaum eine Idealbesetzung

Die Niederlage konnten sie trotz dieser Materialschlacht nicht verhindern. Wenige Wochen später musste Präsident Wehrli bereits die nächste Niederlage einstecken. Trotz aller Warnungen seitens der Wirtschaft stimmte der Bundesrat der Ventilklausel zu. Ausgerechnet Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann machte sich stark dafür, obwohl er früher mal als Vizepräsident von Economiesuisse geamtet hatte.

Doch die Person Wehrli ist nur ein Teil des Problems. Er ist zwar kaum eine Idealbesetzung. Charisma gilt nicht als seine Kernkompetenz. Der studierte Theologe predigt weit weg von der Basis. In den Medien fällt er oft mit den falschen Themen, unglücklich oder gar nicht auf. Und selbst an Podiumsdiskussionen mit Thomas Minder suchte man ihn vergeblich.

Re-Fokussierung steht zur Diskussion

Wie gesagt, Wehrli ist nur ein Teil des Problems. Die Wirtschaftselite verlor in den letzten Jahren die Bodenhaftung. Man wähnte sich in einer Art Paralleluniversum und zockte immer mehr ab. Man hatte völlig vergessen, dass das Volk am Ende an der Urne die wirtschaftsfreundlichen Rahmenbedingungen immer wieder bestätigen muss.

Wenn es allen gut geht, darf es ein paar wenigen besser gehen, lautete über Jahrzehnte der helvetische Gesellschaftsvertrag. Exzesse sah dieser Vertrag keine vor. Leute wie der ehemalige Novartis-Präsident Daniel Vasella kündigten darum mit ihren astronomischen Gehältern diesen Gesellschaftsvertrag. Die erste Rechnung kam mit der verlorenen Abzockerinitiative. Bereits zittern die Unternehmer vor den standortschädigenden Vorlagen zu Mindestlöhnen und der Salärdeckelung 1:12.

Suche nach der Strategie

Economiesuisse braucht nun dringend eine Spitze, welche diese Zusammenhänge begreift. Derzeit arbeiten die Gremien an einer neuen Strategie. Eine Re-Fokussierung des Dachverbandes steht zur Diskussion. Man will sich künftig auf wenige Kernthemen konzentrieren und sich nicht mehr «im Stundentakt zu allem und jedem  äussern», sagt ein Insider.

Auf die Frage nach der richtigen Strategie folgt die Frage nach dem richtigen Personal. Ob Wehrli oder eher Swissmem-Präsident Hans Hess der Mann der Stunde ist, muss schnell entschieden werden. Nur wer handlungsfähig ist, kann vielleicht beim nächsten entscheidenden Urnengang das Grounding verhindern.