Der freie Zugang zu den Universitäten ist die heilige Kuh der Schweizer Bildungspolitik. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse führt die Kuh nun zwar nicht zur Schlachtbank, rüttelt aber kräftig am Status des Heiligen. Rudolf Minsch, Chefökonom und Bildungsexperte beim Wirtschaftsverband, konstatiert einen deutlichen Qualitätsverlust in der hiesigen universitären Lehre.

Insbesondere die Fächer Politik- und Kommunikationswissenschaften seien zu Modestudienrichtungen verkommen, beklagt er. «Das hat zu einer Aufblähung der Studierendenzahlen geführt.» Entsprechend habe das Betreuungsverhältnis von Ausbildenden zu Lernenden abgenommen, das Studium für jeden einzelnen Studierenden an Qualität verloren.

Numerus clausus ist das falsche Instrument

Einen Numerus clausus (NC), so wie es ihn heute in der Medizin gibt und ihn die SVP kürzlich für die Geisteswissenschaften forderte, lehnt Minsch ab: «Eine politisch gewollte Obergrenze ist das falsche Instrument.» Das zeige sich bei den Medizinern. Die einst von der Politik festgelegte Beschränkung führe zu einem Ärztemangel. Als Resultat müsse man im Ausland geeignetes Personal rekrutieren.

Anzeige

Statt die Ära einer NC-Politik einzuläuten, will der Bildungsexperte die Universitäten stärker in die Pflicht nehmen. Er fordert von den Studierenden, dass sie über fundiertes Methodenwissen verfügen. Im Klartext bedeutet das: Statistik für alle Studierenden. «In den allermeisten Studienfächern sind empirische Grundlagen zwingend, denn die Empirie ist aus der modernen Forschung nicht mehr wegzudenken», sagt Minsch.

Einstellungsgespräche gefordert

Ausserdem fordert Minsch Einstellungsgespräche für Studieninteressierte. Diese sollten verhindern, dass Studierende ihre Ausbildung nach wenigen Semestern wieder abbrechen – etwa weil sie den Anforderungen nicht gewachsen sind. Studierenden soll in Einzel- oder Gruppengesprächen aufgezeigt werden, welche Fähigkeiten ein Studiengang verlangt. Als Vorbild dienen ihm amerikanische Hochschulen.

«Den Studierenden soll reiner Wein eingeschenkt werden», sagt Minsch. Der Ökonom ist sich bewusst, dass ein solches Unterfangen mit Aufwand verbunden wäre. Minsch stellt aber klar, dass nicht alle Studidenanwärter zu einem solchen Gespräch aufgeboten werden müssten. Vielmehr könnte man sich auf Interessenten mit schlechten Maturitätsnoten konzentrieren. «Mit einer ungenügenden Mathenote sollte man es sich zweimal überlegen, ein Physikstudium zu beginnen.»

Einstellungsgespräche für schwache Maturanden

Die Universität Zürich hat ein ähnliches Instrument bereits eingeführt. Ein Online-Selbsttest soll angehenden Psychologie-Studenten die Entscheidung für oder gegen ein Studium erleichtern. Der Test helfe dabei, die individuellen Interessen besser kennen zu lernen und sich mit den Studienanforderungen vertraut zu machen, schreibt das Psychologische Institut auf der Homepage.

Anzeige

Im Vergleich zu einem Gespräch weisen solche Selbsttests aber klare Mängel auf. Sie sind oft online-basiert und relativ starr in der Form. Es fehlt ein Gegenüber, mit dem man sprechen kann. Und sie sind nur auf das Studium fokussiert, nicht aber auf den Arbeitsmarkt. Economiesuisse-Experte Minsch fordert aber: «Man muss in Erstgesprächen ehrlich aufzeigen, wie die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind.» So würden sich viele Interessenten bereits vor Studienantritt stärker um die beruflichen Aussichten kümmern – und allenfalls ein anderes Studienfach wählen.

Öffentliche Gelder an Qualitätskriterien binden

Minsch kritisiert zudem die Finanzierung der Universitäten. Das System belohne «Masse statt Klasse». «Hochschulen sind heute besser gestellt, wenn sie möglichst viele ausserkantonale Studierende ausbilden», führt Minsch aus. Denn in diesem Fall zahlt der Sendekanton 80 Prozent der Studienkosten, der Bund die restlichen 20 Prozent. Für die eigenen Studierenden muss der Kanton die Rechnung begleichen. «Das führt dazu, dass Universitäten mit ausserkantonalen Studierenden Geschäfte machen können», sagt Minsch.

Ausserdem spiele leider die Qualität einer universitären Ausbildung keine Rolle bei der Finanzierung. Minsch könnte sich durchaus vorstellen, dass die Geldströme der öffentlichen Hand zumindest teilweise an Qualitätskriterien geknüpft werden. «Falls eine Universität eine hohe Quote Arbeitsloser produziert, sollte man über das Budget diskutieren», sagt er. Das würde den Blick auf den Arbeitsmarkt zusätzlich schärfen.