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Politik

Economiesuisse: Kopflos in die Krise geschlittert

David Vonplon, Redaktor der Handelszeitung, über den Wirtschaftsdachverband Economiesuisse.

Economiesuisse-Präsident Rudolph Wehrli sieht nach der Abstimmung zur Abzocker-Initiative keinen Anlass für einen Kurswechsel. David Vonplon hält diesen Standpunkt für einen Fehler und erklärt, weshal

Von David Vonplon
am 07.03.2013

Als «globale Skurrilität» hatte ein Gutachten die Abzocker-Initiative noch vor wenigen Wochen bezeichnet. Auftraggeberin war Economiesuisse. Jetzt wird ausgerechnet dieses Volksbegehren im Ausland als bestes Beispiel für den Populismus der Vernunft gefeiert und die Schweiz zu ihrem Volksentscheid beglückwünscht.

Der Triumph des Schaffhauser Unternehmers Thomas Minder ist ein einziges Debakel für den einst stolzen Schweizer Wirtschaftsverband. Bei einem Werbeeinsatz von 8 Millionen Franken sprangen nur gerade 32 Prozent Stimmenanteil heraus. Der «Betriebsunfall» mit den gekauften Online-Kommentaren und das Grounding des Propagandafilms von Michael Steiner waren bloss die offensichtlichsten Fehler im Kampf gegen die Abzocker-Initiative. 

Viel zu lange schätzte der frühere Verbandspräsident Gerold Bührer die Lage falsch ein und nahm das Geschäft auf die leichte Schulter. Nach seinem Abgang im Herbst 2012 aber machte der Verband erst recht einen kopf- und führungslosen Eindruck. Bührers Nachfolger Rudolf Wehrli blieb ein Phantom. Einer direkten Konfrontation mit Thomas Minder ging er aus dem Weg. Stattdessen flüchtete sich der studierte Theologe in hochtrabende Abhandlungen über Nachhaltigkeit. 

Gentinetta konnte es nicht richten

Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta sprang in die Lücke. Zum Vorkämpfer einer neuen Glaubwürdigkeit taugt der Romand aber nicht. Zu oft schiesst der Selbstdarsteller aus der Hüfte und polarisiert mit forschem Auftreten. Statt hinter den Kulissen Allianzen in der Politik zu schmieden, malt der Lobbyist ständig Horrorszenarien an die Wand, für den Fall, dass die wirtschaftlichen Forderungen des Verbands nicht erfüllt würden. Doch der Alarmismus Gentinettas verfängt nicht mehr – auch nicht, wenn er einen jahrzehntelangen Einbruch der Wirtschaftsleistung nach der Umsetzung der bundesrätlichen Energiestrategie voraussagt. 

Stellt sich Economiesuisse erneut so dilettantisch an, droht schon im September die nächste kapitale Niederlage. Dann kommt voraussichtlich die 1:12-Initiative vors Volk, gemäss welcher Top-Manager einer Firma höchstens zwölfmal mehr verdienen dürfen als der schlechtbezahlteste Mitarbeiter. Auf den Pragmatismus der Schweizer Bevölkerung in Wirtschaftsbelangen kann der Verband dann nicht mehr zählen. Ebenso wenig dürfte sie mit millionenschweren Werbekampagnen zur Räson gebracht werden. Zu verbreitet ist das Misstrauen gegenüber der Wirtschaftselite. 

Reinigungsprozess nötig

Es ist höchste Zeit, dass Economiesuisse grundsätzlich über die Bücher geht. Die Wirtschaftsführer müssen sich endlich den unangenehmen Fragen stellen – und den Beweis antreten, dass sie nicht nur an sich selber denken, sondern auch an die zwei Millionen Arbeitsplätze, die der Verband vertritt.

Gut möglich, dass der Verband in einem solchen Reinigungsprozess zum Schluss gelangt, dass der angerichtete Schaden mit dem bestehenden Personal nicht zu beheben ist. Und dass sich der Verband Aushängeschilder suchen muss, die den Werkplatz Schweiz glaubwürdiger vertreten. Solche Leute könnten der Bevölkerung vielleicht besser vermitteln, dass Economiesuisse für eine massvolle und vernünftige Salärpolitik eintritt. Und nicht für das Wohl einer dünnen Schicht von Spitzenkräften angelsächsisch orientierter Grosskonzerne, die sich von der Realität des Normalbürgers längst entfernt haben. 

Wenig deutet darauf hin, dass jetzt ein solches Umdenken stattfindet. Präsident Wehrli stellte seinem Team schon im Voraus einen Persilschein aus. Man habe nichts falsch gemacht, erklärte er, noch bevor die Stimmzettel überhaupt ausgezählt waren.

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