Am 1. September tritt die neue Direktorin des Verbandes Economiesuisse, Monika Rühl,  ihre Stelle an. Bereits am Freitag, dem Tag der Wirtschaft, wird sie eine erste offizielle Rede halten. Der Politologe Michael Hermann erklärt im Interview, welches die grössten Schwierigkeiten sind, denen sich Rühl als neue Chefin des Dachverbandes der Wirtschaft stellen muss.

Welche Erwartungen haben Sie an Monika Rühl?
Michael Hermann*: Derzeit herrscht eine grosse Verunsicherung unter den Verbandsmitgliedern. Economiesuisse muss wieder mehr Führung und Orientierung bekommen. Das erreicht der Verband, indem er sich wieder stärker dem Service verpflichtet. Dafür ist Monika Rühl die richtige Person. Sie steht nicht gerne im Vordergrund, ist aber gut vernetzt.

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Welches sind thematisch gesehen die grössten Baustellen sein?
Ein zentrales Problem ist das Verhältnis zu Europa. Derzeit gibt es keine klare Haltung innerhalb des Verbandes. Deswegen ist es entscheidend, dass Economiesuisse hier wieder Basisarbeit leistet. Eine weitere Schlüsselfrage wird auch die Unternehmenssteuerreform III sein, da muss Economiesuisse eine breite Unterstützung gewinnen.

Ist diesen Herausforderungen das Führungsduo mit Monika Rühl und dem Präsidenten Heinz Karrer gewappnet?
Während Monika Rühl nicht gerne in der Öffentlichkeit steht, ist Heinz Karrer versiert bei öffentlichen Auftritten. So gesehen ergänzen sich die beiden gut. Allerdings haben beide wenig politische Erfahrung und müssen beispielsweise für politische Kampagnen die richtigen Leute mit dem nötigen Wissen einbinden.

Economiesuisse fehlt derzeit das Vertrauen der Basis. Wie kann dieses zurückgeholt werden?
In der Vergangenheit hat sich der Verband zu stark mit sich selber beschäftigt und mit den öffentlichen Auftritten Missfallen erregt. Nun muss die Führung wieder in die Region und zu den Firmen hinausgehen.

Und wie erreicht Economiesuisse, dass der Verband nicht länger als elitär wahrgenommen wird?
Das erachte ich nicht als Problem. Economiesuisse ist ein Interessensverband und braucht kein sympathisches Image.  Das Problem ist lediglich, dass der Verband in letzter Zeit zu sichtbar war und so ins Kreuzfeuer geriet.

Bei der Masseneinwanderungs-Initiative hat Economiesuisse versagt. Nun stehen mit Ecopop und der Initiative zur Erbschaftssteuer zwei weitere wichtige Abstimmungen an. Wie soll sich Economiesuisse da einbringen?
Am besten gar nicht gegen aussen. Wichtiger ist, dass die Verbandsführung bei ihren Leuten Überzeugungsarbeit leistet.  Den Abstimmungskampf sollte Economiesuisse den Parteien überlassen und dafür im Hintergrund die Fäden ziehen.

Und in Bezug zur Europapolitik?
Diese wurde in den letzten Jahren vernachlässigt. Die Schwierigkeit ist, dass nun der Gegner plötzlich von rechts kommt, bei den vergangenen Debatten aber die linken Parteien als Feinde betrachtet wurden. Dadurch sind wichtige Brücken abgerissen und die starke Allianz gegen die SVP fehlt. Monika Rühl muss nun versuchen wieder von Fall zu Fall Allianzen zu schmieden. Dies erreicht sie, wie schon eingangs betont, wenn der Verband im Hintergrund als starker Partner agieren kann und die Konfrontation an der Öffentlichkeit von Politikern geführt wird.

* Michael Hermann ist Politologe und Leiter der Forschungsstelle «Sotomo» für Gesellschaft, Politik und Raum in Zürich.

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