In Rio haben 300'000 Menschen demonstriert, um ihren Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit zu manifestieren und gegen Korruption zu protestieren. Der endlos erscheinende Protestzug setzte sich friedlich über die Avenida Presidente Vargas in Richtung Bürgermeisteramt in Bewegung.

Doch plötzlich, gegen 19.30 Uhr, explodierten Tränengasgranaten, liefen die Demonstranten in Panik auseinander. Dann kam die berittene Polizei, Panzerfahrzeuge fuhren auf. Die Sondereinheiten der Polizei rückten in Keilformation vor. Ein einzelner Mann stellte sich der Truppe in den Weg und wurde weggestossen.

Mindestens 30 Verletzte sind das Resultat dieser Konfrontation. Ein Reporter des TV-Senders Globo wurde von einem Gummigeschoss am Kopf getroffen und zeigte sich blutüberströmt im Fernsehen. «Die Polizei hat komplett die Kontrolle verloren und ist unfähig, mit solchen Demonstrationen umzugehen», sagte eine Kollegin des Journalisten während der Live-Übertragung.

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18-Jähriger von Auto überfahren und getötet

Rio war nicht der einzige Ort des Chaos. In In Ribeirão Preto, rund 300 Kilometer von São Paulo entfernt, wurde ein 18-Jähriger an einer von Demonstranten errichteten Barrikade von einem Auto überfahren, wie die Polizei über den Kurznachrichtendienst Twitter mitteilte.

An einer Strassenkreuzung in Campinas bei São Paulo spielten sich bürgerkriegsähnliche Szenen ab. Auch aus Vitória, Brasília, Salvador, Porto Alegre und anderen Städten wurden Zusammenstösse gemeldet. In Recife waren über 50'000 Demonstranten unterwegs.

In der Elf-Millionen-Metropole São Paulo demonstrierten über 100'000 Menschen; dort blieb es weitgehend friedlich.

Rousseff sagt Japan-Reise ab

In Brasília waren rund 30'000 Demonstranten unterwegs. Präsidentin Dilma Rousseff hielt sich im Palácio do Planalto auf, unweit der Proteste, die sich zunächst um den Kongress, dem Sitz von Senat und Abgeordnetenhaus, abspielten. Die Staatschefin verschob wegen der angespannten Lage in Brasilien eine Japan-Reise.

In der Nähe des Präsidentsitzes griffen Randalierer das Aussenministerium, den Palácio do Itamaraty, an und entzündeten ein Feuer. Trotz massiver Polizeipräsenz gelang es den Demonstranten, zu dem Gebäude an der Esplanada dos Ministérios vorzudringen.

Auch in Brasília setzten die Polizisten Tränengas und Pfefferspray ein. Das Regierungsviertel Brasiliens glich zeitweise einem Schlachtfeld, das in den dichten Tränengas-Rauchschwaden unterging.

Fussball ist Nebensache

Noch Anfang Woche hatte Rousseff die friedlichen Proteste gelobt, die Brasilien und die Demokratie stärkten. «Die Stimmen der Strasse müssen gehört werden», sagte sie - und eine der Hauptforderungen wurde prompt erfüllt: Die umstrittene Preiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr wurde zurückgenommen.

In Brasilien läuft derzeit der Confederations Cup, und am Donnerstag wurden zwei Spiele in Rio und in Salvador ausgetragen. Die Generalprobe für die Fussball-WM 2014 ist durch die Proteste, die Randalierer und die Bilder von Strassenschlachten zum Fiasko und das Fussball-Land Brasilien zum Protestland geworden.

Dass der Fussball und der Confederations Cup in Brasilien zur Nebensache geworden sind, zeigte sich auch an einer ungewöhnlichen Entscheidung des TV-Senders Globo: Er verzichtete auf die Live-Übertragung des Spiels zwischen Spanien und Tahiti am Donnerstag und berichtete stattdessen über die Proteste.

(tno/tke/sda)