Die Vox-Analyse der Gründe, die zur Annahme der Masseineinwanderungs-Inititiative geführt haben, bringt strategische Denkanstösse im Hinblick auf die vermutlich schon im November anstehende Ecopop-Abstimmung. Die wichtigste Erkenntnis: Im Gegensatz zu den erfolgreichen Personenfreizügigkeits-Abstimmungen 2005 und 2009 glaubt die Schweizer Bevölkerung heute nicht mehr, dass die bilateralen Verträge wichtig sind für den Wohlstand der Schweiz. Zwei Drittel der Stimmenden nehmen eine allfällige Kündigung der Bilateralen ­bewusst in Kauf, um die Zuwanderung kontrollieren zu können. Der bilaterale «Königsweg» könnte so zum (gewollten) Bauernopfer des Kampfes gegen die Zuwanderung werden.

Die erfolgreiche Schweiz mag die Globalisierung nicht

Wir haben somit ein grundsätzliches Problem, das nicht mit ein paar Millionen aus der Kampagnen-Portokasse von Economiesuisse aus der Welt geräumt werden kann: Die Schweiz – notabene eines der globalisiertesten und wirtschaftlich erfolgreichsten Länder der Welt – mag die Globalisierung nicht. Unseren Wohlstand und die Vollbeschäftigung schätzen wir Schweizer zwar, führen sie aber einzig auf unsere eigene wirtschaftliche Kraft und autonome politische Entscheidungen – und nicht auf die internationale Vernetzung unserer Wirtschaft und die Arbeitskraft Hunderttausender qualifizierter Migranten – zurück.

Wir haben durch die positive Wirtschaftslage der letzten Jahre eine enorme Selbstsicherheit entwickelt: Die Konsequenzen des Erfolgs der globalisierten Schweiz – Wachstum, Migration, Vernetzung mit dem europäischen Umfeld, internationale Zusammenarbeit – meinen wir ablehnen zu können, ohne damit unsere Wirtschaft zu schädigen. Das unbeugsame Gallierdorf kommt dem Beobachter in den Sinn: Auch Asterix und seine Kameraden behaupten sich durch List, unerschrockenen Kampfgeist und einen geheimen Zaubertrank gegen ein feindliches Umfeld.

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Fiktive Comics sind aber ein gefährlicher Ratgeber für die Zukunft unseres Landes. Denn der Isolations-Zaubertrank von SVP, Ecopop und Konsorten macht die Schweiz in Wahrheit nur ängstlich und müde. Wenn wir auch weiterhin so erfolgreich sein wollen wie bisher, müssen wir die giftige Brühe nun schleunigst durch eine zukunftsgerichtete Vision ersetzen: Eine weltoffene Schweiz, in der sich Tradition und Moderne finden. Wir brauchen heute ein nationales «Projekt Schweiz global», um mit einem neuen, positiven Narrativ gestärkt aus unserer Identitätskrise rauszukommen. Wir müssen die Schweiz als Land der Chancen für die weltweit besten Köpfe (und Hände) positionieren und so auch der eigenen Bevölkerung erstklassige Kooperations- und Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Dabei müssen wir unbedingt die politikverdrossene Jugend wieder an Bord holen: Die Stimmbeteiligung bei den Unter-30-Jährigen betrug nur 17 Prozent, gegenüber 82 Prozent bei den 60- bis 69-Jährigen.

Die Schweiz muss wieder Lust am Gewinnen bekommen und ihre Angst vor internationaler Konkurrenz abschütteln. Wir sind erfolgreich, weil wir uns mit Schweizer Qualität global durchsetzen können. Weil unsere Schweizer Arbeitskräfte durch das weltweit einzigartige duale Bildungssystem gut ausgebildet sind und härter arbeiten als viele andere. Weil wir als kleines Land flexibel sind und Nischen erfolgreich nutzen können. Weil wir mit einer modern interpretierten Neutralität ein gefragter Partner sind und eine aktive Rolle auf dem internationalen Parkett spielen können.

Es muss schnell einen Ruck durchWirtschaft und Politik geben

Was braucht es, damit das «Projekt Schweiz global» Erfolg haben kann? Es muss nun schnell ein Ruck durch die Schweizer Wirtschaft und Politik gehen. Das Ja zur Masseneinwanderungs-­Initiative und die anstehende Ecopop-Initiative sollten als Chance gesehen werden, alle kons­truktiven Kräfte zusammenzubringen und eine Vision einer international erfolgreichen Schweiz zu entwerfen. Es braucht glaubwürdige Köpfe, die das politische Risiko auf sich nehmen, öffentlich für eine realistische Migrations- und Europapolitik und ein nachhaltiges Wachstum einzutreten. Die Wirtschaft muss der Bekämpfung der Skepsis gegenüber dem Fremden höchste Priorität einräumen, wenn sie den liberalen Standort Schweiz erhalten will. Zivilgesellschaft, Thinktanks etc. können eine wichtige Brückenfunktion zur Bevölkerung wahrnehmen.

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Das Mantra «Winning Hearts and Minds» muss die gemeinsame Losung sein – und wir haben nicht viel Zeit. Die Spin Doctors in Wirtschaftsverbänden und Parteizentralen sollten deshalb unbedingt schon heute an ihrer Strategie feilen. Denn einen zweiten 9. Februar können sich die Schweiz und die Wirtschaft nicht leisten. Es ist deshalb zu hoffen, dass das «Projekt Schweiz global» den Grundstein legt für eine auf ihre Traditionen aufbauende, lebenswerte, international erfolgreiche Schweiz. Ganz ohne Zauberei.