Die Griechen haben deutlich «Nein» gesagt zu den Sparmassnahmen. Was bedeutet das Resultat?
Anastassios Frangulidis*: Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu keiner Einigung kommt, ist gestiegen. Und damit natürlich auch die Chance auf einen Staatsbankrott und einen Grexit oder die Einführung einer Parallelwährung.

Die Regierung dagegen feiert das Resultat als grossen Sieg. Bei einem «Nein» werde es innert 48 Stunden eine Lösung geben, versprach Ministerpräsident Tsipras letzte Woche. War das realistisch?
Nein, eine schnelle Lösung für Griechenland ist völlig illusorisch. Tatsächlich ist es nun sogar schwieriger geworden, eine Lösung mit den Geldgebern zu finden. Es geht nicht mehr darum, das alte Hilfspaket zu verlängern, sondern um ein neues, drittes Hilfspaket. Die nächsten Stunden und Tage sind insofern wichtig, als dass sich in dieser Zeit zeigen wird, ob auf beiden Seiten die Bereitschaft zu einer Einigung besteht.

Hat sich die Ausgangslage mit dem «Nein» auch sonst verändert?
Es besteht kein Zweifel, dass eine Lösung der Krise schwieriger geworden ist. Ein «Ja» hätte bedeutet, dass die Griechen bereit sind, die Forderungen der Gläubiger zu erfüllen. Nun ist dagegen klar, dass sich beide Seiten bewegen müssen.

Was ist das wahrscheinlichste Szenario für diese Woche?
Das ist nicht leicht zu eruieren. Den Rücktritt von Yanis Varoufakis werte ich als positives Zeichen, weil er sich durch sein Auftreten viele Feinde gemacht hat. Im Moment versucht die griechische Regierung zusammen mit der Opposition eine gemeinsame Linie zu definieren. Würde das gelingen, wäre das eine weitere gute Nachricht. Wenn dann auch noch die Gläubiger zu neuen Verhandlungen bereit sind, könnte man es nochmals probieren. Ansonsten sehe ich schwarz.

Anzeige

Warum?
Am 20. Juli muss Athen der EZB 3,5 Milliarden Euro zurückzahlen. Geschieht dies nicht und gibt es auch keine Einigung vor diesem Tag, dürfte die EZB die Ela-Kredite (Notfall-Liquiditätshilfe) für die griechischen Banken einstellen.

Was würde dann passieren?
Ohne die EZB-Kredite sind die griechischen Banken am Ende. Schon heute dürfen Griechen bekanntlich pro Tag nur 60 Euro abheben. Die Massnahme hat den Abfluss von Liquidität zwar verlangsamt, aber nicht gestoppt. Irgendwann ist das Geld auch so aufgebraucht und der Staat muss die Banken rekapitalisieren, weil die Volkswirtschaft sonst nicht funktionieren kann. Die einzige Möglichkeit für Griechenland wäre dann der Grexit oder die Einführung einer Parallelwährung. Denn man müsste eigenes Geld einführen, um die Banken zu retten.

Damit sind alle Augen auf die EZB gerichtet. Glauben Sie denn, dass die Notkredite für die griechischen Banken weiter gezahlt werden?
Vorerst schon, wenn die Verhandlungen nicht abgebrochen werden. Mario Draghi hat immer wieder betont, dass die EZB keine politische Institution sei. Und die Einstellung der Zahlungen wäre ein Entscheid mit riesigen politischen Konsequenzen. Kurzfristig könnten die Ela-Zahlungen deshalb sogar noch leicht erhöht werden.

Und wie stehen nun die Chancen auf den Grexit?
Aus meiner Sicht immer noch 50 zu 50. Schliesslich ist es nach den EU-Verträgen nicht möglich, Griechenland einfach auszuschliessen. Gestiegen ist aber die Chance auf eine Art «Grexit light», bei der die Regierung eine Parallelwährung einführt, die an den Euro gebunden ist. Sind die Notenpressen erstmals angelaufen, würde diese Währung faktisch schnell stark abwerten.

Wie könnte sich die Krise auf die Schweiz auswirken?
Im schlimmsten Fall, das heisst einem Grexit oder der Einführung einer Parallelwährung, würde die Anspannung an den Märkten steigen. Der Schweizer Franken würde aufwerten und auch die SNB wäre wieder gefragt.

*Anastassios Frangulidis ist Chefökonom und Chefstratege bei der ZKB.