1. Home
  2. Politik
  3. El-Baradei soll Ägypten in die Zukunft führen

Militärputsch
El-Baradei soll Ägypten in die Zukunft führen

Mohammed El Baradei: Der Friedensnobelpreis wird Chef der Übergangsregierung. (Bild: Keystone)

Mohammed al-Baradei soll Vorsitzender einer Übergangsregierung in Ägypten werden. Derweil bereiten sich die Sicherheitskräfte auf neue Strassenschlachten vor.

Veröffentlicht am 06.07.2013

Der Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei soll Kreisen zufolge Chef der Übergangsregierung in Ägypten werden. Der ehemalige Chef der UN-Atomenergiebehörde IAEA werde noch am Samstag ernannt werden, sagte eine Person aus dem Umfeld des Präsidenten. Interimspräsident Adli Mansur hat der staatlichen Nachrichtenagentur zufolge ElBaradei zum Präsidentenpalast geladen. 

Die neue Regierung soll früheren Angaben zufolge in einer möglichst kurzen Übergangszeit die von den Militärs ausgesetzte Verfassung überarbeiten und die Neuwahl von Präsident und Parlament vorbereiten. Der demokratisch gewählte Präsident Mohammed Mursi war vor wenigen Tagen durch das Militär gestürzt worden. 

Demonstranten formieren sich

Ägyptens Sicherheitskräfte haben sich derweil für neue Zusammenstösse mit Anhängern der entmachteten Staatsführung und deren Gegnern gewappnet. Nachdem am Vorabend mindestens 36 Menschen bei Auseinandersetzungen getötet und mehr als 1100 verletzt worden waren, bezogen bewaffnete Bereitschaftspolizisten Stellung an mehreren Strassenkreuzungen und Brücken der Hauptstadt Kairo. Islamistische Gruppen kündigten hartnäckige Proteste an, «bis der Militärputsch rückgängig gemacht und der legitime Präsident wieder eingesetzt ist».

Besonders ausgeprägt war die Spannung rings um die Universität Kairo, wo die islamistischen Muslimbrüder Barrikaden errichteten und den Sicherheitskräften Porträts ihres Idols Mohammed Mursi entgegenreckten, den das Militär am Mittwoch aus dem Präsidentenamt gedrängt hatte. Die Zufahrtsstrassen zum Universitätsgelände waren übersät von Steinen und ausgebrannten Reifen - Überbleibseln der nächtlichen Strassenschlachten.

Islamisten mit Schnellfeuerwaffen

Auf dem zentralen Tahrir-Platz, den mit Stöcken bewehrte Mursi-Kritiker vor gegnerischen Aktivisten abriegelten, verbrachten hunderte Demonstranten die Nacht in Zelten. Die Tamarod-Bewegung, die voriges Wochenende schon den «Marsch der Millionen» gegen Mursi initiiert hatte, rief für Sonntag zu neuen Massenprotesten auf.

Während die Islamisten öffentlich den friedlichen Charakter ihrer Proteste betonten, wurden blutige Details zu Gewalttaten gegen Kritiker des gestürzten Staatschefs bekannt: Anwohner des Kairoer Stadtteils Manial schilderten, dass sich bewaffnete Islamisten dort in der Nacht zum Samstag mit automatischen Pistolen, Schnellfeuergewehren, Macheten und Knüppeln ihren Weg zum besetzten Tahrir-Platz gebahnt hätten. 

«Sie behandelten uns wie Ungläubige und riefen 'Allahu Akbar' (Gott ist grösser) während sie auf uns schossen», berichtete ein Anwohner. Ein anderer erzählte, die Kämpfe hätten um 19.30 Uhr begonnen und bis drei Uhr morgens gedauert, weil «ihnen einfach nicht die Munition ausging».

Situation im Sinai ausser Kontrolle

Mindestens sieben Menschen starben im Stadtteil Manial, wobei Augenzeugen von Scharfschützen auf einem Moscheedach und gezielten Kopfschüssen berichteten. Ärzte bestätigten, dass zahlreiche Opfer aus grosser Höhe erschossen wurden. Am Morgen danach glich das von Einschusslöchern übersäte Viertel einer Geisterstadt.

Im Norden des Sinai entglitt den Behörden die Kontrolle. Hunderte Islamisten stürmten in der Nacht zum Samstag den Sitz des Gouverneurs in Al-Arisch. Dutzende von ihnen hielten das Gebäude auch am Samstag noch besetzt. Bewaffnete Extremisten erschossen in der Stadt einen koptisch-orthodoxen Priester. In der Nähe der oberägyptischen Stadt Luxor starben bei religiös motivierten Zusammenstössen vier Christen und ein Muslim.

Indes gab sich das Militär, das bislang vor allem mit islamistischen Gruppen aneinander geriet, nach aussen neutral. «Wir sind nicht parteiisch», sagte ein Armeesprecher. Und weiter: «Unsere Aufgabe besteht darin, das Leben der Demonstranten zu schützen.» Trotzdem wurden seit Beginn der gewaltsamen Zusammenstösse am 26. Juni schon mehr als 80 Menschen getötet, wobei Beobachter die Armee für etliche Todesfälle mitverantwortlich machen.

Mansur zieht in Präsidentenpalast ein

Mursi war am Mittwoch von der Militärführung entmachtet und im Verteidigungsministerium festgesetzt worden. Auch die Führungsriege seiner Muslimbrüder wurde festgenommen, die islamische Verfassung ausser Kraft gesetzt und der oberste Verfassungsrichter Adli Mansur als Übergangspräsident installiert.

Mursi selbst wurde seit Mittwoch nicht mehr gesehen und soll nach Justizangaben am Montag zum Vorwurf der «Beleidigung der Justiz» vernommen werden. Am Samstag zog Mansur formell in den Präsidentenpalast in Heliopolis ein. Er traf sich zu Beratungen mit Armeekommandant Abdel Fattah al-Sisi und Innenminister Mohammed Ibrahim.

(muv/sda/reuters)

Anzeige