1. Home
  2. Politik
  3. «Es ist eingetreten, was Marx vorhergesagt hat»

Prognose
«Es ist eingetreten, was Marx vorhergesagt hat»

Wird Amerika zum Vorbild für Europa? Wie findet die angeschlagene Weltwirtschaft zum Wachstum zurück? Steen Jakobsen, Chefökonom der Saxo Bank, hat klare Vorstellungen.

Von Carla Palm
am 06.12.2016

Sind Sie froh, wenn 2016 endlich vorüber ist?
Steen Jakobsen*: Ja, und wie. 2016 war gerappelt voll mit Ereignissen, die den Markt bewegt haben. Es war sehr schwierig, den Investoren die vielen Ereignisse zu erklären. Die Papiermenge, die für interne Dokumentationen und die Risikoberatung für unsere Kunden anfiel, war dieses Jahr enorm gross. Ich mache meinen Job jetzt seit fast 30 Jahren, und ich war Ende November noch nie so ausgelaugt, wie ich es heute bin.

Dabei ist 2016 doch aus Ihrer Sicht gut ausgegangen. Sie predigen seit Monaten «Bitte, nicht schon wieder dasselbe.» Amerika hat mit seiner Entscheidung für Donald Trump den Wandel gewählt, und Sie hatten es so vorausgesehen.
Das war eine harte Nuss, die ich da verkaufen musste. In Amerika ist der Sozialvertrag schon lange unter Beschuss. Darauf immer wieder hinzuweisen, war sehr ermüdend für mich. Vor allem, weil ich mit dieser Meinung fast alleine dastand.

Was machte Sie so sicher?
Es ist genau das eingetreten, was Karl Marx einmal vorhergesagt hatte. Die Reichen besitzen so viel Geld und die Bevölkerungsschichten mit geringem Einkommen können sich nichts mehr leisten. Diese Menschen wollten den Wandel.

Dann zeigen ausgerechnet die Wahlen in den USA das Versagen des Kapitalismus?
Nein, auf gar keinen Fall. Daran glaube ich natürlich nicht. Aber irgendwann wurde der Leidensdruck einfach zu gross, und Trump hat einen Weg gefunden, das Vakuum zu packen. Der Marxismus ist leider die einzige ökonomische Theorie, die diese Umstände erklärt. Hillary Clinton hat zudem gezeigt, dass ein Wahlkampf, der allein auf statistischen Annahmen und Wahlkreisanalysen beruht, nicht gewonnen werden kann. Selbst wenn dafür Milliarden Dollar zur Verfügung stehen. Ihrem Kampf fehlte die Seele.

Wieso hat mit Trump niemand gerechnet?
Es kam natürlich vieles zusammen. Clinton hat versucht, die Minderheiten zu erreichen, aber Trump hat es geschafft, ganz Amerika anzusprechen. Obwohl er viele Minderheiten während seines Wahlkampfes beleidigt hatte, haben sie für ihn gestimmt. Hinzu kam die massive Ignoranz der Strategen und politischen Analysten, die glaubten, der Ruf nach Wandel sei nicht echt gewesen. Letztendlich hat genau dieser Umstand Trump in die Hände gespielt. Den gleichen Effekt haben wir übrigens auch in Grossbriannien bei der Brexit-Abstimmung gesehen.

Kann Trump die geteilte und instabile Gesellschaft, wie sie sich jetzt in den USA abzeichnet, retten?
Donald Trump als Präsident wird nicht so schlecht, wie die Liberalen befürchten und nicht so gut, wie die Wirtschaft hofft.

Wie kommen Sie darauf?
Der Aktienmarkt hat dafür bereits erste Hinweise gegeben. Technologieaktien, die für Produktivität und unsere Zukunft stehen, kamen nach der Wahl unter Druck. Titel der Old Economy hingegen, die in Vergessenheit geraten waren, profitierten. Das zeigt, dass Trump sehr wohl für den Wandel steht, nur marschiert er in die falsche Richtung. Unternehmen mit technologischer Ausrichtung sind für unsere Zukunft entscheidend. Aber genau die Aktien dieser Unternehmen verlieren unter Trump, das ist für die Wirtschaft kein gutes Zeichen.

Wo soll denn in einem Umfeld, das aus Protektionismus und Anti-Globalisierung besteht, das Wachstum herkommen?
Nur eine hohe Produktivität kann die Welt langfristig stabilisieren. Die Menschen, die Trump gewählt haben, sind schon lange nicht mehr produktiv und können an der Globalisierung nicht mehr teilhaben. Das hat diese Generation so verärgert. Sie ist aufgewachsen mit dem Fall der Berliner Mauer 1989. Es war eine Zeit, in der die Märkte plötzlich offen waren und der Handel sich verbesserte. Doch die Produktivität ging zurück, und es sind viele Monopole entstanden. Beides waren grosse Fehler. Wir brauchen mehr Wettbewerb.

Wie kann es sein, dass die Produktivität niedrig ist, wenn doch die Unternehmen so hohe Gewinne einfahren wie nie zuvor?
Das liegt an unserer Geldpolitik, die es so weit hat kommen lassen, dass jeder erwartete Ertrag eines Investments praktisch gleich null ist. Da ist es doch viel effizienter für ein Unternehmen, beispielsweise ein Aktienrückkaufprogramm aufzulegen. Das sehen wir auch in der Schweiz und in Dänemark. Die Produkte, die die meisten Unternehmen heute verkaufen, sind immer noch die gleichen wie vor sieben Jahren. Kaum Innovationen, keine Veränderungen im Design. So niedrig ist unsere Produktivität.

Wo soll die Produktivität denn jetzt auf einmal herkommen?
Produktivität korreliert zu fast 90 Prozent mit dem durchschnittlichen IQ eines Landes oder eines Unternehmen. Produktivität entsteht, indem in die Bildung der Mitarbeiter investiert wird und indem nur die besten ihres Fachs eingestellt werden. Dazu muss aber ein gleichberechtigter Zugang zur Bildung geschaffen werden. Amerika und auch Grossbritannien tun immer so, als sei dies bereits der Fall. Aber es stimmt nicht. Der Zugang zur Bildung ist gerade in den USA vielen versperrt. Das kann eigentlich leicht geändert werden, aber es wird lange dauern, bis es sich auszahlen wird.

Wer soll denn diese «Bildung für alle» finanzieren?
Die Unternehmen sollten das übernehmen und auch wir selbst als Individuen. Ist es nicht besser, beispielsweise Pensionsgelder über ein Programm oder über einen Fonds in die Anwerbung der besten Professoren und Fachkräfte zu investieren, die man bekommen kann? In Menschen zu investieren, zahlt sich immer positiv aus. Wenn es einem Land gelingt, die besten Leute anzuwerben und auszubilden, wird sich die Investition auf jeden Fall für jeden Einzelnen auszahlen. Singapur ist übrigens ein gutes Beispiel dafür und auch der Pharma- und Biotech-Sektor in der Schweiz, der Talente aus der ganzen Welt anzieht.

Wer sind die Gewinner der US-Wahl?
Sie gibt unserer Gesellschaft wieder die Chance, sich zu verändern und über die dringendsten Angelegenheiten offen und ehrlich zu diskutieren. Das schreibt uns unsere Demokratie doch vor. Doch der Diskurs ist in den vergangenen 20 Jahren verschwunden. Wer traut sich heute noch, öffentlich zu widersprechen? Wir müssen uns Gedanken machen, wofür wir stehen. Zu unseren Werten zählen doch die Freiheit der Rede, Gleichberechtigung, Offenheit, Immigration und grenzübergreifender Handel. Deutschland wurde zu einem der reichsten Länder der Welt durch den Export, und jetzt wollen die Bürger die Immigration abwürgen. Sie stellen genau das Prinzip in Frage, mit dem sie gross geworden sind. Das ist sehr kurzfristig gedacht, was daran liegt, dass wir keinen Diskurs mehr haben.

Die Demokratie hat also noch nicht ausgedient?
Nein, auf gar keinen Fall. Ich bin ein grosser Anhänger der Demokratie.

Wird der Trump-Sieg ein Vorbild für die anstehenden Wahlen in Europa?
Da gibt es grosse Unterschiede. Die Wahl in den Niederlanden wird sehr unangenehm werden. Es wird eine Anti-Immigration-Abstimmung. Die Flüchtlingsthematik wird im Mittelpunkt stehen.

Und Frankreich?
In Frankreich werden die Wähler differenzierter entscheiden. Die Menschen dort glauben an ihre Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Gesellschaft ist homogener. Ausserdem ist das Bildungssystem zugänglich für alle. Durch Bildung werden wir nicht nur produktiver, sondern es ergibt sich auch eine differenziertere Diskussionskultur, auf dieser basierend treffen wir unsere Entscheidungen. Frankreich dürfte meiner Meinung nach sogar einen Gegenentwurf zum Populismus aufzeigen. Es könnte sein, dass sich auch Deutschland in diese Richtung bewegen wird.

Dann winkt dort schon wieder eine grosse Koalition?
Das wäre selbst auf lange Sicht nicht das Schlimmste. Es gibt kein Land, das von einer Mehrheitsregierung geführt wird und dem es gut geht. Schauen Sie sich Russland an.

Abgesehen vom Brennpunkt in den USA, wo erwarten Sie 2017 die grössten Risiken?
2017 wird ein weiteres Jahr mit verlorenem Wachstum. Viele Länder werden sehr darunter leiden. Das Risiko, dass die Staatsverschuldung implodiert und diese Länder bankrottgehen, ist sehr hoch. Der langfristige Kreditzyklus wurde überspannt. Beispiele dafür wären Südafrika und die meisten lateinamerikanischen Länder. Auch der Mittlere Osten ist in Gefahr. Viele Staaten aus dieser Region versuchen gerade verzweifelt, Anleihen herauszugeben. Das ist kein gutes Zeichen.

Ist Russland unter Kontrolle?
Ja, schon. Russland muss sich jetzt darum kümmern, dass der Ölpreis hoch geht oder andere Einnahmequellen finden.

Welche Rolle werden die Zentralbanken 2017 spielen?
Die Geldpolitiker haben 2017 eine letzte Möglichkeit, den Anstieg der Zinsen einzudämmen. Damit befinden wir uns im letzten Stadium eines grossen Finanzexperimentes. Sogar eine Art von Helikoptergeld durch die Hintertür ist vorstellbar. Japan zeigt uns, was die Zukunft bringen könnte. Die Bank of Japan ist dabei, den Preismechanismus zwischen Markt und Geldpolitik auszusetzen. Das heisst, Japans Regierung kann 2017 Geld ausgeben, das sie nicht hat, ohne Konsequenzen für den Anleihemarkt. Das ist eine sehr gefährliche Situation. 2017 werden wir letztendlich wieder da landen, wo wir im März 2009 gestartet sind. Nämlich bei der Annahme, dass mit vorgezogenen Investitionen Wachstum angekurbelt werden kann, was sich als grundlegend falsch erwiesen hat.

Wo gibt es Hoffnung für die Welt?
Wir haben viele Investitionen, den Zugang zur Bildung und die Verbesserung unserer Infrastruktur sehr lange unterdrückt. Wenn es jetzt gelingt, einen Teil dieses Potenzials freizusetzen, werden wir einen grossen Aufschwung erleben.

Worauf müssen Anleger im nächsten Jahr ganz konkret achten?
Ich warne schon seit Längerem vor steigenden Kapitalkosten. Daraus könnte eine Bond-Bubble entstehen. Hier ist Vorsicht geboten. Anleger sollten in den nächsten zwei bis drei Jahren in der Lage sein, ihre Entscheidungen flink zu treffen und nicht zu lange überlegen. Sie sollten auf Unternehmen setzen, die produktiv sind, dann kann kaum etwas schiefgehen. Egal, ob bei Aktien oder Anleihen. Auch ist es sicher gut, sich gegen Inflationen abzusichern. Die Inflationserwartung wird wegen der Wahl von Trump steigen. Ob es dann tatsächlich dazu kommen wird, ist unklar. Inflationsanleihen wären eine gute Investitionsmöglichkeit oder auch Treasury Inflations Protected Se-curities. 2017 könnte es zudem sein, dass Gold und Silber signifikant besser abschneiden werden als der Rest des Marktes.

Können Sie uns schon einen Ausblick auf eine Ihrer «Outrageous Predictions» für 2017 geben?
Eine positive Outrageous Prediction wird sicher damit zu tun haben, dass es China 2017 deutlich besser gehen wird. China kommt heute schon auf 20 Prozent der Produktivität der USA. Eine gute Entwicklung wäre es, wenn China es schaffen würde, sich von einem Ressourcen-Importeur zu einem Produzenten zu entwickeln. Ich glaube, das Land ist bereits auf einem guten Weg.

Wie lauten Ihre persönlichen Ziele?
Ich muss meine Work-Life-Balance verbessern, sollte nicht mehr so viel reisen und vielleicht weniger Interviews geben.

* Steen Jakobsen ist Chefökonom und CIO der Saxo Bank. 2016 war er «busy» wie nie: Er twittert, schreibt regelmässig Kommentare in der Wirtschaftspresse und gilt als wortgewandter, manchmal unbequemer Interview-Partner. Berüchtigt sind seine jährlichen «10 Outrageous Predictions», mit denen er provokative Szenarien auffächert, die sehr unwahrscheinlich sind, aber trotzdem relevant sein könnten. Jakobsen blickt auf fast 30 Jahre in der Finanzindustrie zurück. Er begann seine Karriere nach dem Wirtschaftsstudium in Kopenhagen 1989 bei der Citibank. Später arbeitete er u.a. für Chase Manhattan in London und für UBS in New York.

Das Interview mit Steen Jakobsen wurde vor der Veröffentlichung der «Gewagten Prognosen» für 2017 geführt.

Anzeige