Die EU will mit der Schweiz und weiteren Drittstaaten über ein verschärftes Zinsbesteuerungsabkommen und insbesondere den automatischen Informationsaustausch verhandeln. Wie nehmen Sie diese Nachricht auf?
Michel Dérobert:
Diese Entwicklung überrascht uns nicht.

Warum nicht?
Für die Schweiz hat sich die Situation im Verlaufe des Frühjahres aufgrund von Fatca verändert. (Anmerkung der Redaktion: Fatca steht für «Foreign Account Tax Compliance Act» und ist Teil eines im Jahr 2010 in Kraft getretenen US-Gesetzes, mit dem das Steuer-Reporting von ausländischen Finanzinstituten deutlich verschärft wurde). Durch diesen Vertrag sahen sich Luxemburg und Österreich dazu gezwungen, ihre Haltung in der Frage des automatischen Informationsaustausches in der Europäischen Union aufzugeben. Wir sind in dieser Frage für eine proaktive Politik der Schweiz. 

Tatsächlich öffnete der Kurswechsel von Luxemburg und Österreich die Türe zum automatischen Informationsaustausch erst. Wie enttäuscht sind Sie über das Vorgehen Ihrer Verbündeten in der Frage des Bankgeheimnisses?
Es gibt nichts Enttäuschendes oder Überraschendes darüber zu berichten. Luxemburg wie auch Österreich haben wie jedes andere Land das Recht, ihre Politik so auszurichten, um die eigenen Interessen wahren zu können. 

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Ihre Zürückhaltung ehrt Sie. Tatsache bleibt jedoch, dass sich die Schweiz im Steuerstreit mit der EU stets auf Österreich und Luxembourg verlassen hat. Wäre es angesichts der jüngsten Entwicklung nicht klüger, die Mitgliedschaft der Europäischen Union anzustreben, um in Zukunft selbst über das eigene Schicksal entscheiden zu können? 
Die Schweiz ist kein Mitglied der Europäischen Union. Zudem hat sich die Frage einer Mitgliedschaft nie gestellt. Daher handelt es sich um eine hypothetische Frage.

Was entgegnen Sie dann Kritikern, welche der Finanzbranche vorwerfen, durch das gespaltene und zerstrittene Auftreten den Wandel hin zum automatischen Informationsaustausch beschleunigt zu haben?
Die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bankenszene sind meines Erachtens übertrieben. Und selbst wenn die Bankiers nicht immer mit einer Stimme sprechen, ist dies darauf zurückzuführen, dass die Finanzbranche einem stetigen Wandel und den sich verändernden Marktgegebenheiten unterworfen ist und sich die darauffolgenden Massnahmen für die einzelnen Banken unterschiedlich auswirken können.

Die Privatbankiers - allen voran Nicolas Pictet - haben doch die Idee vom automatischen Informationsaustausch befürwortet. 
Die Privatbankiers haben sich nie für den automatischen Informationsaustausch ausgesprochen, sondern vielmehr das Modell der Abgeltungssteuer unterstützt. Allerdings haben wir das Ausmass der Ablehnung in Deutschland gegenüber diesem Modell vergangenen Herbst frühzeitig erkannt. Wenn die Europäische Union einen solchen fundamentalen Wandel durchsetzen will, darf dies die Schweiz auf keinem Fall ohne Gegenleistungen hinnehmen.

Was fordern Sie denn als Gegenleistung von der EU? 
Die Schweiz muss den Kunden, welche unserer Rechtsordnung vertraut haben, eine Übergangsperiode anbieten – und diese beinhaltet die Regularisierung der Vermögen aus der Vergangenheit. Diese Regularisierung muss entweder mit der EU oder mit ihren Mitgliedsstaaten verhandelt werden. Aber wir verfolgen ein noch wichtigeres Ziel.

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Welches?
Der automatische Informationsaustausch ohne freien Marktzugang zum europäischen Binnenmarkt als Gegenleistung wird dazu führen, dass der Schweizer Finanzplatz an Wettbewerbsfähigkeit einbüssen wird. Wir sind uns bewusst, dass unsere Forderung nach freiem Marktzugang politische Hindernisse entgegenstehen. Doch Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Die Schweizer Politik muss sich bewusst sein, dass die Schweizer Banken gezwungen sein werden, ihren Kunden die geforderten Dienstleistungen im Ausland zu erbringen, sollten die Banken in der Schweiz den Zugang zu ihnen verlieren. Die EU muss konsequent sein: Sie kann die Schweiz auf der einen Seite nicht als EU-Mitglied betrachten, wenn es um den automatischen Informationsaustausch geht, und auf der anderen Seite die Schweiz wie Malaysia behandeln, wenn es um den freien Marktzugang geht.

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Der automatische Informationsaustausch wird in irgendeiner Form den Bankenplatz Schweiz erreichen. Wie teuer wird uns dieser zu stehen kommen?
Der automatische Informationsaustausch würde den Banken nicht viel kosten – jedenfalls weniger als die Umsetzung der Abgeltungssteuer oder von Fatca. Im Bereich der Zinsbesteuerung wird den EU-Kunden diese Möglichkeit im Übrigen schon angeboten.

Darüber hinaus geht die Angst um, dass es bei der Einführung des automatischen Informationsaustausches zu einem Abfluss an Kundengeldern kommen könnte. Teilen Sie diese Befürchtung?
Das hängt von der Situation in den einzelnen Staaten ab. Vergangenes Jahr haben wir beispielsweise gesehen, dass die grosse Mehrheit der spanischen und portugiesischen Kunden ihre Vermögen auf Schweizer Bankkonten legalisieren liessen und die Vermögen in der Schweiz verblieben.

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Eveline Widmer-Schlumpf wie auch die österreichische Finanzministerin haben angekündigt, dem automatischen Informationsaustausch nur dann zuzustimmen, wenn sich auch Steueroasen wie Jersey, Cayman Islands oder Singapur bewegen. 
Bei den Steueroasen geht es weniger um den automatischen Informationsaustausch. Es geht um die Transparenz bei Offshore-Gesellschaften wie Stiftungen und Trusts. In diesem Punkt müssen sich vor allem die USA bewegen. Wir unterstützen Bundesrätin Widmer-Schlumpf, wenn sie gleich lange Spiesse verlangt.