Die EU-Kommission erwartet bis 2017 die Ankunft von drei Millionen weiteren Flüchtlingen in Europa. Das erklärte die Brüsseler Behörde am Donnerstag in ihrem Wirtschaftsausblick für die Jahre 2015 bis 2017. Nach Angaben von Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici wird der Flüchtlingsandrang eine «schwache, aber positive» Wirkung auf das Wirtschaftswachstum in der EU haben.

Die EU-Kommission rechnet in ihrer Herbstprognose, die sich erstmals mit den Auswirkungen der Flüchtlingskrise befasst, mit der Ankunft von einer Million Flüchtlingen im laufenden Jahr. 2016 wird mit einem Anstieg auf 1,5 Millionen Flüchtlinge gerechnet, bevor die Zahl im Jahr 2017 auf eine halbe Million zurückgeht.

Langfristiger Wachstumseffekt möglich

Das Bruttoinlandprodukt könne durch die Zuwanderung um «0,2 bis 0,3 Prozent bis 2017 steigen», erklärte die EU-Kommission. Zusätzliche öffentliche Ausgaben würden das Wachstum kurzfristig ankurbeln. Weil mit den Flüchtlingen auch neue Arbeitskräfte in die EU kämen, sei aber auch ein mittelfristiger Aufschwung möglich. Dazu müssten die Mitgliedsländer aber für einen verbesserten Zugang der Flüchtlinge zum Arbeitsmarkt sorgen, mahnte die EU-Kommission.

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In diesem Jahr sind nach UNO-Angaben schon mehr als 752'000 Bootsflüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa geflohen. Fast 3500 Menschen kamen auf dem gefährlichen Weg ums Leben. In der Nacht zum Donnerstag ertranken erneut zwei Flüchtlingskinder vor der griechischen Insel Kos, nachdem ihr Boot 250 Meter vor der Küste gekentert war. 14 Menschen überlebten das Unglück. Vor der Küste Libyens rettete die spanische Marine rund 500 Flüchtlinge aus Seenot.

UNO: 5000 Flüchtlinge pro Tag

Bislang seien die Flüchtlingszahlen auf dem Mittelmeer im Winter immer stark zurückgegangen, erklärte das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. In diesem Jahr sei damit aber nicht zu rechnen.

Wie aus einem in Genf veröffentlichten Bericht zum Finanzbedarf für diesen Winter hervorgeht, rechnet das UNHCR bis Februar mit der Ankunft von durchschnittlich 5000 Flüchtlingen pro Tag. Die EU müsse sich in diesem Zeitraum daher auf die Ankunft von 600'000 neuen Flüchtlingen einstellen. Das «raue, nasse und kalte» Winterwetter werde die Not der Flüchtlinge weiter verschlimmern, warnte das UNHCR, das für den Schutz der Flüchtlinge um zusätzliche 96,15 Millionen Dollar bittet - vor allem um Unterkünfte wintertauglich zu machen. Bislang hatte das UNHCR einen Bedarf von 76,5 Millionen Dollar für die Versorgung der Flüchtlinge in Europa angemeldet.

Schulz und Tsipras auf Lesbos

Auf der vom Flüchtlingsandrang stark betroffenen griechischen Insel Lesbos gab es am Donnerstag Proteste gegen die Politik der EU in der Flüchtlingskrise. Anlass war ein Besuch von Griechenlands Regierungschefs Alexis Tsipras und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz auf der Insel.

Unterdessen fliehen über die Balkanroute täglich weiterhin tausende Menschen in Richtung Deutschland und Österreich. Mehr als 2300 Flüchtlinge seien bereits bis Donnerstagmittag in Slowenien angekommen, teilte die Nachrichtenagentur STA unter Berufung auf die Polizei mit. Am Tag zuvor waren rund 7700 Menschen über Serbien und Kroatien in Slowenien eingereist. Slowenien wurde zu einer Station auf der Balkanroute, nachdem Ungarn Mitte Oktober die Grenze zu seinem südlichen Nachbarn Serbien geschlossen hatte. Seitdem sind knapp 150'000 Menschen nach Slowenien eingereist.

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(sda/mbü)