«Mehr Demokratie in Europa» lautete das Versprechen dieser Europawahlen. Ob das Experiment geglückt ist, wurde kurz vor Auszählung der Stimmen am Sonntagabend mit Spannung erwartet. Haben die 400 Millionen Europäer die Chance aktiv genutzt, über die Zusammensetzung der mächtigen Volksvertretung zu entscheiden? Oder herrschte bis zuletzt das gepflegte Desinteresse vor, das bereits den Wahlkampf bestimmt hatte?

«Wirkliche Sieger werden die Nichtwähler sein», unkte die französische Tageszeitung «Le Monde» am Sonntag. Demoskopen rechneten mit einer noch niedrigeren Wahlbeteiligung als bei den letzten Wahlen 2009 von 43 Prozent. Die Brüsseler Denkfabrik Bruegel warnte: «Die Legitimation der Europäischen Union steht auf dem Spiel.» Laut Umfragen dürften EU-Feinde und Splitterkräfte im Europäischen Parlament erstarken.

Wind der Demokratie weht durch Europa

Dabei weht der Wind der Demokratie durch Europa, denn erstmals traten die EU-Parteifamilien überall mit denselben Spitzenkandidaten an. Der Sieger hat gute Aussichten auf das Amt des Kommissionspräsidenten, auch wenn er es nicht automatisch bekommt. Chancen rechnen sich der deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz und der luxemburgische Konservative Jean-Claude Juncker aus. Laut Umfragen hatten die Konservativen der Europäischen Volkspartei (EVP) die Nase knapp vorn. Erwartet wurde aber, dass sich erst spät in der Wahlnacht Mehrheiten abzeichnen.

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Selbst wenn einer der Spitzenkandidaten klar siegt, bekommt er laut EU-Recht nicht automatisch den Posten an der Spitze der EU-Behörde. Der Rat der Staats- und Regierungschefs werde «den Ausgang der Wahl berücksichtigen», hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schon klar gemacht. Sprich: Im Machtpoker mit den Staatenlenkern könnte der Kandidat den Kürzeren ziehen. Und muss möglicherweise einem Dritten, der gar nicht im Wahlkampf angetreten ist, weichen. Etwa der dänischen Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt, dem konservativen finnischen Ministerpräsidenten Jyrki Katainen - oder etwa auch IWF-Chefin Christine Lagarde.

Den Staatschefs ist das Amt an der Spitze der EU-Behörde als Hüterin der Verträge und Verwaltungsbehörde zu wichtig, um sich das Vorrecht der Kandidatenkür nehmen zu lassen. Das dürfte viele Wähler schon im Vorfeld enttäuscht haben. SPD-Chef Sigmar Gabriel warnte Europas Staatenlenker vor Kungeleien und der «grössten Volksverdummungsaktion in der Geschichte der europäischen Bürger». Beim EU-Gipfel am Dienstag (27.) ist Streit zu der Personalie programmiert, letztlich dürfte erst in vielen Wochen die Entscheidung stehen. «Beim Gipfel wird kein Name bekannt gegeben», sagt ein Diplomat.

Viele Posten gilt es zu vergeben

In dem Machtpoker geht es aber keineswegs nur um dieses Amt. Auf EU-Ebene sind noch viele andere Posten zu vergeben, etwa der EU-Ratspräsident, der Aussenbeauftragte und der Parlamentspräsident. Das gibt eine Menge Raum, um ein Paket zu schnüren, das möglichst ausgewogen ist, etwa mit Blick auf Herkunft oder Geschlecht.

Die Bürger sehen das alles reserviert. Bei den TV-Duellen im Wahlkampf waren die Einschaltquoten niedriger als erwartet. Das Brüsseler Politikinstitut Ceps brachte die Haltung der Europäer gegenüber Europa so auf den Punkt: «Zwischen Teilnahmslosigkeit und Wut.» Viele Wähler hätten nicht erkennen können, wofür die Kandidaten, die bei vielen Themen Einigkeit demonstrierten, stehen.

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Das mangelnde Interesse ist umso erstaunlicher, als die Macht des EU-Parlaments seit der ersten Europawahl 1979 stetig gewachsen ist. Egal ob Freihandelsabkommen mit den USA, Bankenunion oder Europas Umgang mit Flüchtlingen - das Europaparlament redet mit. Zudem haben mehr als die Hälfte aller nationalen Gesetze ihren Ursprung in Brüssel. Doch die Krise hat gerade die Südeuropäer, die gerne Brüssel und seinem «Spardiktat» die Schuld zuschieben, europamüde gemacht.

Europaskeptische Parteien auf dem Vormarsch

Zudem werden Europawahlen traditionell genutzt, um den nationalen Regierungen einen Denkzettel zu verpassen. Das dürfte Frankreichs Präsident François Hollande erleben, wo mit einem starken Abschneiden des rechtspopulistischen Front National gerechnet wurde.

Um das Erstarken rechtsextremer, populistischer und euroskeptischer Parteien sorgte sich Europa diesmal besonders. Doch können die Anti-Europäer die Arbeit im Europaparlament wirklich blockieren? Einige Prognosen sehen sie als drittstärkste Kraft nach Konservativen und Sozialdemokraten - allerdings nur, wenn sich die sehr verschiedenen Strömungen der Europa-Kritiker mit den Rechtsextremen zusammentun. Die Bertelsmann Stiftung stellte in einer Studie über die Populisten im Internet fest: «Die Anti-Europäer sind isoliert und zersplittert.» Juncker betonte, sich nicht von rechten Kräften wählen zu lassen: «Ich würde die Wahl nicht annehmen.»

Richtig spannend werden also die nächsten Wochen - etwa wenn sich Parlament und Staaten nicht auf die Besetzung der Spitzenposten einigen können. Zudem dürfte sich die EU nach den Wahlen weiter reformieren. Der scheidende EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat die Linie bereits vorgegeben: Europa solle «gross in grossen Dingen und klein in kleinen Dingen sein».

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