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Urteil
Ex-Polizeichef von Guatemala in Genf verurteilt

Erwin Sperisen (Foto von 2006): Der Ex-Polizeichef Guatemalas muss lebenslang ins Gefängnis. Keystone

Erwin Sperisen ist am Freitag vom Genfer Strafgericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Er ist mitschuldig an der Ermordung von sechs Gefangenen.

Veröffentlicht am 06.06.2014

Erwin Sperisen ist am Freitag vom Genfer Strafgericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der seit 2012 in Genf inhaftierte ehemalige Polizeichef von Guatemala war in einem Fall direkt schuldig und in sechs weiteren Fällen mitschuldig an der Ermordung von Gefangenen. Die Anwälte Sperisens kündigten an, gegen das Urteil zu rekurrieren.

Der schweizerisch-guatemaltekische Doppelbürger Sperisen soll laut dem Urteil im September 2006 bei der Erstürmung des Gefängnisses Pavon einen Häftling eigenhändig ermordet haben und in sechs weiteren Fällen als Mittäter agiert haben. Sein Motiv wurde von den Richtern als «egoistisch» und «aussergewöhnlich niederträchtig» beurteilt, genauso wie sein ganzes Handeln, wie das Urteil festhält.

Die sieben Häftlinge seien Opfer aussergerichtlicher Hinrichtungen geworden, befand das Gericht. Es stützte sich dabei auf zahlreiche Zeugen, die es als glaubwürdig einstufte. Sperisens einzige Verteidigung sei gewesen, zu beteuern, dass die Zeugen lügen würden.

Ungenügende Faktenlage

Bei der Höhe der Strafe berücksichtigte das Strafgericht insbesondere die Schwere der Taten, die Zahl der Opfer und die fehlende Empathie des Angeklagten gegenüber den Gefangenen.

Freigesprochen wurde Sperisen dagegen vom Vorwurf des Mordes an drei Häftlingen, die im Oktober 2005 aus dem Gefängnis «El Infiernito» ausgebrochen waren und später erschossen wurden. In diesen Fällen kamen die Richter zum Schluss, dass die vorliegenden Fakten nicht genügten, um Sperisen schuldig zu sprechen.

NGOs begrüssen das Urteil

Nichtregierungsorganisationen äusserten am Freitag über Twitter ihre Genugtuung über die Verurteilung Sperisens zu lebenslanger Haft. Das Urteil sei eine wichtige Etappe im Kampf gegen Straflosigkeit.

Sperisen war von Juli 2004 bis März 2007 Chef der «Policia National Civil» (PNC) in Guatemala gewesen. Die UNO-Kommission gegen Straflosigkeit in Guatemala (CICIG) warf Sperisen vor, Drahtzieher von aussergerichtlichen Hinrichtungen gewesen zu sein und zusammen mit anderen hohen Funktionären des Landes eine kriminelle Organisation gebildet zu haben.

Nach Genf geflohen

Im April 2007 floh Sperisen nach seinem Rücktritt als Polizeichef nach Genf, wo er seit mehreren Jahren im Visier einer Koalition von Nichtregierungsorganisationen (NGO) war, die ihn aufspüren und vor Gericht bringen wollte. Im August 2012 wurde Sperisen von der Genfer Justiz verhaftet und wegen zehnfachen Mordes angeklagt.

Staatsanwalt Yves Bertossa hatte eine lebenslange Freiheitsstrafe für den schweizerisch-guatemaltekischen Doppelbürger gefordert. Er warf Sperisen im Einzelnen vor, Morde an zehn Häftlingen befohlen, geplant und in einem Fall sogar selbst begangen zu haben.

Sperisen wurde in Genf der Prozess gemacht, weil er als Doppelbürger nicht an Guatemala ausgeliefert werden konnte. Der 43-Jährige bestritt die Vorwürfe und beteuerte während des ganzen Prozesses seine Unschuld. Seine Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert.

Rechte Hand in Österreich freigesprochen

Ein guatemaltekische Gericht hatte 2011 Haftmandate gegen 19 ehemalige Funktionäre erlassen, darunter Sperisen und den ehemaligen Ex-Innenminister Carlos Vielmann. Javier Figueroa, der einst als rechte Hand von Sperisen gegolten hatte, war im Sommer 2013 von einem österreichischen Gericht freigesprochen worden.

(sda/moh)

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